
Ausgehend von der Leiche der jungen, schönen, blonden Laura Palmer breitet
sich von einer Folge zur nächsten ein Netz von Verstrickungen aus zu einem Serienstammbaum kleiner und
großer Verbrecher, einem
Stammbaum, der sich immer weiter verzweigt. Der Mord sprengt die Oberflächen des Örtchens:
Ein Spezial-Agent kommt in das Städtchen, um dem ortsansässigen Sheriff bei der
Aufklärung zu helfen. Er wird von Kyle MacLachlan in subversiver Zurückhaltung gespielt. In seinen
fast faden Gesichtszügen hatte Lynch schon in "Dune" und "Blue Velvet" außergewöhnliche Ereignisse
gespiegelt. In ihm treffen sich der scheinbar unbeholfene Amateurdetektiv und der analytische Profi,
so wie die Tagesberichte, die er unablässig an "Diane", ein kleines Diktiergerät, adressiert, eine
Mischung sind aus verspieltem Tagebuch und sachlichem Polizeibericht. Lynch vereint die größten
Gegensätze, setzt das Allerwichtigste und Allerbanalste bruchlos, mit allergrößter Selbstverständlichkeit
nebeneinander, setzt Reales
direkt neben Unwirkliches und Gutes direkt neben Böses. Die Detektivgeschichte wird nicht von den
großen Ergebnissen beherrscht, die Gewichte haben sich verlagert, die Details bestimmen das Ganze,
die Großaufnahmen gehören den Dingen, den Doughnuts, einem Walkie-talkie, den ineinandergreifenden
Zahnrädern einer Sägemühle, einer Kokosnuß oder einem Herzchenanhänger. Ein bei jeder kleinen
Erschütterung in Tränen ausbrechender Police-Officer, eine Frau mit einem Baumstamm als Gefährten,
ein hysterisch um seine Tochter trauernder Vater: auch das Exaltierteste wird mit einer Attitüde
größter Selbstverständlichkeit offeriert. Dem Allerbösesten wird eine urenglische Qualität des Humors
verliehen. David Lynch arbeitet gleichermaßen mit wie gegen die Serie. Immer wieder lenken die alles
durchziehenden running Gags und ihre unendliche Variation von der Folge der
Indizien ab. David Lynch begeht die Unverschämtheit, einen einzigen Mord zum Zentrum einer ganzen
Fernsehserie zu machen, ihn langsam aus den Augen zu verlieren und am Ende nicht einmal zu lösen.
Lynch verführt nicht nur zur nächsten Folge, sondern macht süchtig, alles immer wieder zu sehen.
Tagesspiegel, 24 Août 1990