Fische in der Kaffeetasse
Die amerikanische Kultserie "Twin Peaks", inspiriert vom Regiestar David Lynch, startet auf RTL plus.

Manchmal träumt Agent Cooper nachts von tanzenden Zwergen, die rückwärts sprechen, und einer schönen blonden Frau. Und am Morgen, wenn er aufwacht, glaubt er, daß er nun endlich den Mörder von Laura Palmer kennt. Er hat das Rätsel im Schlaf gelöst, und eines Tages wird er auch noch herausfinden, was damals wirklich geschah zwischen Marilyn Monroe und John F. Kennedy.

Aber vielleicht hat Agent Cooper ja niemals zu träumen aufgehört, und was er für Wirklichkeit hält, ist nur die schrecklichere Fortsetzung seines Nachtmahrs. Warum sollte es einem FBI-Mann besser ergehen als den übrigen Helden des Regisseurs David Lynch, diesen jugendlichen Schlafwandlern in der Provinz Amerika.

In "Blue Velvet", Lynchs Meisterwerk, war es der Collegeboy Jeffrey Beaumont, der, einem Detektiv gleich, auf nächtliche Höllenfahrt ging durch eine Welt der Perversionen, um zu erwachen in einem Kleinstadt-Idyll unter blauem Himmel, mit weißen Zäunen, Rotkehlchen und geheimnislosen Blonden, dem wahren Alptraum.

Kyle MacLachlan spielte den Jeffrey Beaumont, und er ist in der Fernsehserie "Twin Peaks" der Agent Dale Cooper, der süchtig ist nach Kirschkuchen und Doughnuts und nach seinem Diktiergerät und den manchmal einer, zum Spott oder aus Versehen, Gary nennt. Im Grunde erzählen, von "Eraserhead" und dem "Elefantenmenschen" bis zu "Wild at Heart", alle Lynch-Filme von Pubertätsphantasien, von der Begegnung mit einer fremden, und seltsamen Welt, der Welt der Erwachsenen.

Davon handelt auch die Serie "Twin Peaks", der schon vor dem Start nachgerühmt wurde, daß sie "die Geschichte des Fernsehens verändere". Von diesem Dienstag an läuft sie auch in Deutschland, auf RTL plus um 20.15, und danach in 20 Folgen jeden Freitag um 21.10. Konzipiert und produziert hat Lynch die Mischung aus Seifenoper und Melodram zusammen mit Mark Frost, fernseherfahren als Autor einer der besseren amerikanischen Serien, "Hill Street Blues"; die eine oder andere "Twin Peaks"-Folge hat Lynch sogar selber inszeniert.

Und manchmal scheint es, als fange das Fernsehen für ihn da an, wo das Kino aufhörte. Mit der Leiche eines Mädchens, so blond wie Laura Dern in "Blue Velvet", mit Bildern einer Kleinstadt, einem Vogel in den Zweigen eines Baums. Doch das Städtchen Twin Peaks, nahe der kanadischen Grenze, wo es fast immer regnet und wo die Bäume, "phantastische Douglastannen", so hoch und so dicht sind, daß sie den Himmel fast verdecken, hat nichts idyllisches mehr.

Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein in Twin Peaks, die Mädchen sehen noch immer aus wie in den fünfziger Jahren, doch haben sie nun Geheimnisse, wie jeder in dieser Stadt. Und deswegen mußte Laura Palmer sterben.

Die amerikanischen Kritiker bemühten angesichts des kleinen Fernsehwunders sogleich die hohe Kultur: "Als ob Norman Rockwell vom Geiste Salvador Dalis besessen sei", hieß es - schließlich ist der Regisseur auch Maler - in Newsweek; andere erkannten den Einfluß von Hieronymus Bosch, Edward Hopper und Francis Bacon.

Jene 35 Millionen Zuschauer, ein Drittel der Fernsehnation, die im April letzten Jahres den Pilotfilm zu "Twin Peaks" sahen, von ABC zur besten Sendezeit und gegen stärkste Konkurrenz, mochten sich um derlei Bildungsballast weniger scheren. Umso erstaunlicher war der Erfolg einer Serie, die sich gerade noch an den Elf-Minuten-Takt für die Webung hielt, ansonsten aber alle Sehgewohnheiten des amerikanischen Publikums mißachtete, sich sogar darüber lustig zu machen schien.

Denn dies Publikum konnte wohl gerade eben noch, wenn auch unter Protest, ertragen, daß Bobby Ewing, seit 26 "Dallas"-Folgen mausetot, plötzlich asu der Dusche auftauchte und alles war nur der Traum der wirren Pam gewesen sein sollte. Doch nun wurden ihm ein Deputy zugemutet, der angesichts einer Leiche in Tränen ausbricht, ein Sheriff namens Harry S. Truman, liiert mit einer halbchinesischen Sägewerksbesitzerin, ein Hirschgeweih auf dem Banktisch, Fische in der Kaffeetasse?

Und erzählt wurde die Geschichte in nahezu peinigender Langsamkeit in irritierenden Detailaufnahmen, zu einer seltsamen Musik, mit Schauspielern, die, abgesehen von Joan Chen und Piper Laurie, kaum bekannt waren, und jede Foge war komplizierter als die vorherige und einer Lösung der Frage, wer Laura Palmer tötete, immer ferner, fast so geheimnisvoll wie das Leben selber.

"Twin Peaks" wurde über Wochen zur Kultserie in den USA, mit Fanklubs und Fernsehpartys, jeden Donnerstag, und am darauffolgenden Tag wurde weitergerätselt, was dieses oder jenes Symbol nun zu bedeuten habe. David Lynch war auf allen Titelbildern, und seine schöne Wasserleiche Laura wurde zu einer der 25 interessantesten Persönlichkeiten des JAhres gewählt.

Die Süßwarenhersteller machten Geschäfte mit "Twin Peaks"-Kringeln und -Kuchen, Bloomingdale`s propagandierte den Agent-Cooper-Look, eine regelrechte "Peaks"-Industrie entstand. Allein für 14 Emmys, Fernseh-Oscars, war die inzwischen in 55 Ländern verkaufte Serie nominiert.

Schließlich aber wurden es doch nur zwei, im technischen Bereich. Die Einschaltquoten sanken, die zweite Staffel verbannte ABC auf einen Sendeplatz am Samstagabend, Kritiker nörgelten über die zunehmende Verrätselung der Geschichte, inzwischen waren sogar Außerirdische in Twin Peaks gelandet. Immerhin setzten die Fans noch eine dritte Fortsetzung durch, doch in diesem Juni war der "Ausflug zu einem anderen Planeten" dann wirklich zu Ende.

Vielleicht hatten Lynch und sein Partner einfach nicht aufhören können zu spielen, erstaunt und erschrocken darüber, daß sie gerade bei jenen Erfolg hatten, die sie entlarven wollten. Vielleicht hatte diese allzu große Popularität diesen Fernsehtraum zerstört. In Frankreich wurde die Serie gar zum Flop. Und das mag auch daran liegen, daß "Twin Peaks" letzten Endes eine Geschichte aus der Heimat ist, eine böse Gute-Nacht-Geschichte für Amerika, in Europa allenfalls eine Schnurre.

RTL-plus-Chef Helmut Thoma ist trotzdem sehr froh über den spektakulären Einkauf. Heftig hatte sich auch die ARD um die Einkaufrechte bemüht. In den Medien wird "Twin Peaks" schon jetzt gefeiert. Und David Lynch, der "Jimmy Stewart vom Mars", wie der Regisseur Mel Brooks ihn nannte, hat schon manchmal am Ende seiner Filme ein Wunder geschehen lassen.

Der Spiegel 37 , 1991

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