Twin Peaks
par Anke Richter
Cherry Pie Twin Peaks

Es gibt wieder Fernsehen, das süchtig macht. "Twin Peaks", die erste TV-Serie von "Wild at Heart"-Regisseur David Lynch, läuft ab September bei RTL plus und wirkt wie LSD mit einem Schuß Jägermeister. Das schaurig-schöne Trivialmärchen um den Mord in einer amerikanischen Kleinstadt ist komisch und kompliziert. MAX führt von A bis Z durch den Ort des Grauens.

Autos: Obwohl die schönste und mächtigste Frau von Twin Peaks aus Hongkong stammt, kommt nichts Fernöstliches auf die Straßen der Hinterwäldler. Nur Corvettes, Mustangs, mächtige Stationwagons, bullige Pickup-Trucks. Und die Jungs klemmen sich natürlich eine Harley unter den Hintern. Das einzige ausländische Fahrzeug ist ein VW-Käfer - und der gehört (natürlich) einer Deutschen.

Buch: Da Lesen unter den Hobbys der Einwohner (Angeln, Biertrinken, Football gucken) eher an letzter Stelle rangiert, ist nur ein Schriftwerk von Bedeutung: das Tagebuch der ermordeten Laura Palmer. Neben dem, das die Polizei entdeckt, führte sie nämlich noch ein zweites, intimeres - um ihr Doppelleben zu verschleiern. ("Das geheime Tagebuch der Laura Palmer" erscheint jetzt übrigens im vgs-Verlag, Köln, 22 Mark.)

Cherry Pie: Der blutrote Frucht-Glibber unter krümeliger Pastetenkruste entschädigt FBI-Agent Dale Cooper mindestens zweimal täglich für den schweren Auftrag in Twin Peaks: "Also, einen Kirschkuchen haben die, sagenhaft!" Höchstes Kompliment im "Double R Diner": "So würde ich mir das Himmelreich für Kuchen vorstellen." Den originalen Twin Peaks Cherry Pie kann man in Los Angeles bei DuPars Restaurant and Bakery (Tel. 001/213/933 84 46) bestellen. Apropos Kirschkuchen: Highschool-Mieze Audrey Horne kann einen Stengel im Mund allein mit Hilfe ihrer Zunge verknoten. Ihr Trick: "Zuerst den Stiel weichbeißen."

Doughnuts: Coopers zweitliebstes Nahrungsmittel wird es spätestens nach der dritten Folge auch in deutschen Trend-Bäckerein geben. Eine Kaffeerösterei-Kette plant ein "Dale-Cooper-Gedeck" - Kaffee und ein weicher Kringel. Das Rezept für ca. 50 Stück: 1 2/3 Tassen Margarine, 3 1/3 Tassen Zucker, 8 große Eier, 3 Tassen Buttermilch, 17 Tassen Mehl, 4 Eßlöffel Backpulver, 1 Eßlöffel Salz, verkneten, den Teig einen Zentimeter dick auswälzen und handtellergroße Kringel (mit Loch in der Mitte!) ausstechen. In einen Topf mit heißem Öl (5 cm hoch gefüllt) die Teigringe 2-3 Minuten ausbraten und dabei einmal wenden. Noch warme Doughnuts mit Zuckerguß überziehen. Reinbeißen und mit reichlich Kaffee nachspülen. Schmeckt verdammt gut.

Effekte: Lynchomanen kommen voll auf ihre Kosten. Unerträglich tief stochert die Pinzette unter dem Fingernagel der Toten, gruselig gleitet die Kamera die Telefonschnur entlang, während Schreie aus dem baumelnden Hörer gellen. Nicht alles ist Absicht: Das Licht in der Leichenhalle war beim Drehen defekt - weil Lynch das gespenstische Flackern aber so gut gefiel, wurde es eben in die Szene geschnitten.

Fans: Wie die Serie, so die Seher. Die "Peaks Freaks", wie sie sich in den USA tauften, schrecken (logisch) vor keiner Geschmacklosigkeit zurück. Bei der Fernsehanstalt ABC landeten neben einem blauen Kaffeebecher mit goldenem FBI-Siegel und einer Dose "Twin Peaks Mais" (Aufschrift: "Verzehrt erfordert Gehirn") mehrere in Plastikfolie gewickelte Barbiepuppen mit dem Schildchen "Wehe, Du bringst nochmal Laura Palmer um". ABCs Unterhaltungsdirektor Robert Iger: "Diese Fans sind sowohl aggressiv wie kreativ." Aber treu. Überliefert ist die erste Frage der 23jährigen Mila Roschwalb aus Maryland, als sie nach einer Mandeloperation im Krankenhaus aufwachte: "Habe ich "Twin Peaks" verpaßt?" Okay, die Amis übertreiben. Aber auch Deutschland dürfte bald heftig vom "Peaks"-Fieber geschüttelt werden...

Gewalt: In Twin Peaks wird ein Mädchen ermordet, ein Vergewaltigungsopfer fällt ins Koma, ein Ehemann prügelt seine Frau mit einer Seife, die er im Strumpf schwingt. Im real existierenden Snoqualmie (US-Staat Washington), Drehort der Serie, sieht die Wirklichkeit auch nicht viel besser aus als im Fernsehen. Der "Green River Killer", der fast 60 Frauen folterte und verstümmelte, hinterließ etliche Opfer in der Gegend. Massenmörder Ted Bundy, vor zwei Jahren in Florida hingerichtet, stammte nicht nur aus dem 1300-Seelen-Nest, sondern lud abgetrennte Köpfe am Snoqualmie Highway ab. David Lynch behauptet: reiner Zufall.

Holz: Beliebteste Wandverkleidung in Twin Peaks. Kein Wunder, denn Hauptarbeitgeber ist das Packard-Sägewerk, das täglich 50 000 Meter an Brettern produziert. In jedem Wohnzimmer prasselt ein Kaminfeuer aus Scheiten der heimischen Douglas-Tanne, in jeder Ecke stehen Schnitzwerke - so etwa ein riesiger Holz-Bär in der Tankstelle. Und was schleppt die mysteriöse Log-Lady ständig mit sich herum? Natürlich ein Stück Baumstamm. Klar, daß Agent Coopers erster Eindruck war: "Ich habe noch nie so viele Bäume auf einmal gesehen."

Infos: Wer tief ins Dorfleben einsteigen will, kann die Lokalzeitung "Twin Peaks Gazette" abonnieren (P.O.Box 1804, Pacific Palisades, CA 90272, USA). RTL plus richtet für alle Süchtigen eine Hotline ein (Tel. 0221 / 454 50). Nachschlagewerke (englisch): "Welcome to Twin Peaks - Access Guide to the Town" (Simon & Schuster Pocket Books New York), "Welcome to Twin Peaks - A complete guide to who`s who and what`s what" (Publications International, Lincolnwood / Illinois) und "Twin Peaks - Behind the Scenes" (Pioneer Books, Las Vegas / Nevada).

Jukebox: Die beste Geräuschkulisse hat das "Double R Diner", wo man für ein paar Cents alles, von den Pet Shop Boys bis Patsy Cline drücken kann. Live-Musik gibt`s abends in der Bar Roadhouse, wo Julee Cruise "Falling" und "The Nightingale" singt. Ihre Songs und den Soundtrack von Film-Komponist Angelo Badalamenti gibt`s auf Platte, MC und CD (WEA).

Kassette: Den Fortschritt der Ermittlungen diktiert Dale Cooper fast minütlich einem Aufnahmegerät, das er für seine Sekretärin Diane bespricht. Nichts Sentimentales und Banales bleibt dem FBI erspart: "Diane, vor mir habe ich eine Schachtel mit Schokoladenfiguren." Coopers kriminalistische Laufbahn erscheint im Oktober als Autobiographie ("FBI-Agent Dale B. Cooper - Mein Leben, meine Aufzeichnungen); vgs-Verlag, 22 Mark). Ein 45-Minuten-Band zum Zuhören gibt es bei Simon & Schuster Audio, New York).

Lage: Twin Peaks (51 201 Einwohner) liegt im nordöstlichen Zipfel des US-Bundesstaates Washington, kurz vor der Grenze zu Kanada und wenige Meilen westlich von Idaho. Genau bemessen zwischen Juneau / Alaska und Kayenta / Arizona. Sehenswürdigkeiten: der malerische Black Lake, der White Tail Wasserfall und die tief im Wald gelegene Eulen-Höhle.

Mode: Twin Peaks ist der einzige Ort der Welt, wo Teenager am liebsten wadenlange Schottenröcke, karierte Flanellblusen und Strickpullis tragen. Dank hochentwickelter Bügeltechnik, roter Pumps und spitzer BHs sehen sie in dem Zwirn ziemlich kess aus. Stilsicherer Country-Look auch bei den Männern: Tweedjackets, Holzfällerhemden, Lederjacken. Aus dem Rahmen fällt lediglich der FBI-Agent mit gestärkten Yuppie-Manschetten und der Psychiater Dr. Jacoby mit verschiedenfarbigen Brillengläsern (rosa und hellblau zur Ausbalancierung der Gehirnhälften), Papierstöpseln in den Ohren und einem Sortiment unschlagbar geschmackloser Krawatten.

Namen: Nicht nur der Ortsname Twin Peaks (auf deutsch "Zwillings-Gipfel" und laut "New York Times" ein "Macho-Ausdruck für weibliche Brüste") ist doppeldeutig. Sheriff Harry Truman heißt nicht nur wie ein frühere US-Präsident - so hieß auch der Mann, der beim Ausbruch des Vulkans Mount St. Helena verschüttet wurde. Laura war die Titelheldin des gleichnamigen Hollywood-Krimis von 1944, die scheinbar ermordet wird, aber in Wirklichkeit lebt. Der "Täter" im Film hieß Waldo Lydecker: Lydecker heißt auch der Tierarzt in Twin Peaks, Waldo sein Beo-Vogel. Laura Palmers verblüffend ähnliche Cousine Madeleine Ferguson erinnert an Hitchcocks "Vertigo": Kim Nowak schlüpfte darin in die Identität einer Ermordeten namens Madeleine, der Held James Stewart hieß mit Vorname Ferguson. Und wieder behauptet David Lynch: reiner Zufall.

Opposition: Twin Peaks hat für jeden Oppositionellen was zu bieten. Das alternative US-Magazin "The Nation" bejubelte die Serie als Demaskierung der Reagan-Ära. Ernährungswissenschaftler protestierten gegen den ungesund hohen Verzehr klebrig-süßen Backwerks. US-Radio-Star Dr. Demento sendete "All we are saying is give Peaks a chance", die Hymne der "Citizens outraged at the Offing of Peaks" (Bürger, die über die Absetzung von Twin Peaks erbost sind).

Partys: Neben den unzähligen Twin-Peaks-Partys an amerikanischen Unis und Schulen bleibt der Abend in Mike`s American Bar & Grill (10th Avenue, New York) unvergeßlich: Eine in Plastikfolie gewickelte Laura-Palmer-Puppe hing von der Decke, auf einer Tafel standen die Namen der Mordverdächtigen, und die Gäste tranken Kaffee und aßen Doughnuts - was sonst. Ein buntes Freizeitprogramm rund um die Kult-Serie verspricht auch RTL plus. Als Auftakt werden Sondervorführungen des Pilot-Films (vor Ausstrahlung im Fernsehen) in sechs ausgesuchten deutschen Kinos mit anschließendem Happening organisiert. Kurzfristige Termine in Stadtmagazinen orten.

Quote: In Twin Peaks hat jeder Probleme, und wenn es nur quietschende Vorhangschienen oder ein Fisch in der Kaffeemaschine sind. Ein Problem hat die erste Staffel der Serie dagegen nicht: Die Pilot-Sendung war in den USA der TV-Film mit der höchsten Einschaltquote des letzten Jahres. Ähnlich sah es in England und Italien aus. RTL plus rechnet mit drei Millionen Zuschauern. 

Rätsel: Warum trägt Nadine Hurley eine Augenklappe? Was bedeutet der Zettel mit dem Spruch "Feuer, geh mit mir" am Tatort und das "R" unter Laura Palmers Fingernagel? Wieso fallen vier Menschen im Lauf der Serie ins Koma? Warum schaltet die Ampel ständig um? Und wie kommt der Fisch überhaupt in die Kaffeemaschine? Twin Peaks steckt voller Rätsel. Manche wichtig, viele einfach nur lynchig. Ein unwichtiges sei hier verraten: Auf der Hochzeitsreise wurde Nadine Hurley von ihrem Gatten aus Versehen ein Auge weggeschossen. Daher die schwarze Augenklappe.

Schniefen: Mit einem Tütchen weißen Pulvers in Laura Palmers Tagebuch fängt es an. Nach und nach kommt raus, wie tief die Dorfjugend im Schnee steckt. Der Dealer versteckt den Stoff in einem aufgeschlitzten Fußball. Ob David Lynchs Inspirationen ebenfalls auf zuviel Koks zurückzuführen sind, bleibt umstritten. Vielleicht war`s LSD - mit einem Schluck Jägermeister heruntergespült.

Tiere: Die Twin Peakers haben ihre Vierbeiner am liebsten ausgestopft an der Wand hängen. Wenn zuviel hängt, fällt auch schon einmal ein Hirschkopf runter. Als lebende Gattung spielen nur Vögel eine tragende Rolle: der geheimnisvolle Beo des Tierarztes. Die Wunden an Laura Palmers Hals, die sich später als Vogelbisse entpuppen. Und Eulen, Eulen, Eulen.

Überirdisches: Der FBi-Agent doziert Weisheiten des Dalai Lama und will den Mörder mit Hilfe eines tibetanischen Wurfspiels ermitteln. Ein Junge besitzt Zauberkräfte. Ein 100 Jahre alter Zimmerkellner hält eine Séance ab. Die Log-Lady spricht mit ihrem Stück Holz. Voll bedeutungsschwangerer Symbolik sind die Träume, in denen ein Zwerg rückwärts spricht, Mörder und weiße Pferde erscheinen. Unterirdisches gibt es auch: Beim Begräbnis versagt die Lift-Hydraulik - Laura Palmers Sarg fährt hoch und runter.

Video: Als Film im Film läuft auf den Bildschirmen in den Wohnzimmern Twin Peaks` mit Vorliebe die Seifenoper "Einladung zur Liebe" (sonst auf keinem anderen TV-Kanal der Welt zu empfangen. Mindestens ebenso spannend ist das Video von Laura Palmer, das das FBI in ihrem Zimmer entdeckt.

Whodunnit - Wer war`s: Die Suche nach dem Mörder von Laura Palmer stellt selbst die legendäre Frage: "Wer schoß auf J.R.?" in den Schatten. An dem mysteriösesten Detektivspiel der Fernsehgeschichte können sich alle MAX-Leser beteiligen (siehe unten). Ein Tip: Alle Folgen aufzeichnen. Szenen mit potentiellen Verdächtigen in Zeitlupe und im Rücklauf abspielen. Es könnten geheime Zeichen auftauchen.

X-Rated: Was Dallas und Denver haben, hat Twin Peaks schon lange - Affairen, Seitensprünge und wenig wahre Liebe. Obwohl Sex nicht nur das liebste Hobby der scheinbar so braven Cheerleaderin Laura war, sondern auch die treibende Kraft der Serienhandlung ist, gibt es in allen 20 Folgen keine einzige freizügige Szene - trotz eines kurzen Abstechers in ein Porno-Magazin ist Twin Peaks jugendfrei.

Yankee: Nach Twin Peaks muß das Bild des typischen Amerikaners umgeschrieben werden. Von wegen Hawaii-Hemd, Cola und Mickey Mouse. Das echte Land der ungeahnten Möglichkeiten liegt zwischen zwei Bergen in den Wäldern der Eulen. "Als Zuschauer hätte ich Lust, dahin zu fahren", glaubt David Lynch.

Zitate: Es wird kaum gelacht in Twin Peaks. Um so komischer sind die todernsten Sprüche, die dort zum besten gegeben werden. Kult-Status haben Dale Coopers kulinarische Begeisterungen wie "Verdammt guter Kaffee" und der legendäre Ausruf "Sie ist tot - in Plastikplane gewickelt". "Peakspeak" wurde diese Ausdrucksweise getauft. Die schönsten Sätze: "Alte Gewohnheiten sind nun mal hartnäckig. Und genauso hart möchte ich die Eier" (Cooper zur Bedienung). "Wenn du dir noch mal so ein Ding leistest, wirst du die Bidets in einem bulgarischen Kloster schrubben!" (Benjamin Horne zu Tochter Audrey). "Es gibt einen Mann zuviel in meinem Leben, und mit dem bin ich verheiratet" (Shelley Johnson). "Laura Palmers Tod hat jeden Mann, jede Frau, jedes Kind berührt, weil Leben hier etwas bedeutet, jedes Leben. Ich dache, diese Einstellung gäbe es auf dieser Welt nicht mehr, aber es gibt sie, Albert, hier mitten in Twin Peaks" (Agent Cooper zu Mitarbeiter Albert Rosenfield). Albert zu Cooper: "Das klingt ja, als hätten Sie zuviel von unseren einheimischen Pilzen genascht."

 

 

WER IST DER MÖRDER?

Eine Wasserleiche wird ans Ufer gespült. Es ist Laura Palmer, schönste Cheerleaderin der Twin Peaks High School. Immer dichter wird das Geflecht aus Spuren, Träumen, Symbolen. Jeder ist verdächtig. Aber nur einer oder eine hat Laura Palmer ermordet. Oder sind es doch mehrere Täter? Wer war`s also?

MAX-Leser sollen den Mörder finden. Ermitteln Sie, phantasieren Sie, raten Sie mit - ob mit Hilfe eines Diktiergeräts oder inspiriert durch eine Überdosis Doughnuts.

Jede noch so gewagte Mordtheorie ist uns willkommen. Wenn Sie hinhaut, umso besser. Der besten Spürnase winkt als Hauptpreis eine einwöchige Reise für zwei Personen zum Drehort der Serie in den USA, für alle anderen verlost MAX Twin-Peaks-Kaffeebecher, T-Shirts, Soundtracks, Bücher, signierte Filmplakate und sprechende Holzscheite.

Schicken Sie Ihre ausführlich formulierte Antwort (ein Name allein reicht nicht!) bis 1. Dezember 1991 an: MAX, Twin-Peaks-Aktion, Rothenbaumchaussee 133, 2000 Hamburg 13

Anke Richter
Max, Septembre 1991

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