Schlußverkauf
par Andreas Kilb


Die Geschichte ist nicht neu. Sie hat sich schon viele Male wiederholt, und sie wird noch oft erzählt werden. Im Frühjahr 1991, als er noch der erfolgreichste Regisseur Amerikas war, schloß David Lynch einen Vertrag. Darin verpflichtete er sich, für die französische Produktionsgesellschaft Ciby 2000 in den nächsten fünf Jahren drei Filme zu drehen, und Ciby 2000 verpflichtete sich, ihm dafür insgesamt 58 Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen. Für Lynch war dieses Geschäft, nach seinen Triumphen mit dem Film "Wild at Heart" (der in Cannes die Goldene Palme gewann) und der Fernsehserie "Twin Peaks" (die in Amerika teilweise sensationelle Eischaltquoten erzielte und erst nach dreißig Folgen ihren Geist aufgab), die notwendige Konsequenz einer großen Karriere. Für Ciby 2000 war es der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: Hollywood produziert, Europa finanziert.

Inzwischen, nachdem ein paar Geschäfte geplatzt, ein paar Projekte verschoben und ein paar Millionen versickert sind, erwägt die französische Produktionsfirma, ihr Büro in Hollywood wieder zu schließen. Auch andere europäische Investoren haben aufgegeben: Giancarlo Paretti, der Mann, der MGM kaufen wollte, steht wegen Betrugs vor Gericht, der Gaumont/Pathe-Konzern kämpft darum, seine Verluste in Grenzen zu halten, und die Penta-Film des italienischen Mediengiganten Silvio Berlusconi zieht sich kleinlaut von der Pazifikfront zurück. Der Angriff Europas gegen die Zitadelle der Kinoindustrie ist zusammengebrochen. Durch die leeren Konten, die toten Verträge, die aufgegebenen Produktionsbüros weht der Wind, und Hollywood bleibt Hollywood.

David Lynch aber kam nach Cannes und gab eine Party, ein Feuerwerk und viele Interviews, um die erste Frucht seiner Verbindung mit Ciby 2000 vorzustellen: "Twin Peaks - Fire Walk With Me". Wenigstens dieses geschäft hatte sich gelohnt: Zehn Millionen hatte der Twin-Peaks-Film gekostet, aber allein der internationale Vorverkauf brachte den Produzenten das Doppelte dieser Summe ein. Der Film war ein Erfolg, noch bevor ihn irgend jemand gesehen hatte. Die Kritiker in Cannes indessen waren von "Twin Peaks" weniger überzeugt als die blind buchende Kinobranche. Nachdem er die ersten Verrisse seines Werks gelesen hatte, beeilte sich Lynch zu erklären, dieser Film sei der beste, den er bisher gedreht habe. Als er das sagte, klang es nicht wie ein Scherz. Es war aber einer. "Twin Peaks - Der Film", wie der deutsche Verleih mit teutonischer Deutlichkeit titelt, ist weder ein Meisterwerk noch überhaupt ein Film, sondern eher das traurige Resultat eines typischen Verhandlungsgesprächs zwischen unerfahrenen (europäischen) Produzenten und einem geltungssüchtigen (amerikanischen) Regisseur. "Könnten Sie nicht ihren Superhit XY für uns wiederholen?" - "Klar, ich drehe einfach XY, Teil zwei." Der "Superhit" war allerdings derart effektvoll ins dramaturgische Chaos gestürzt, daß jede Fortstzung nur unnötige Klarheiten gebracht hätte. "Dann erzähle ich halt, was vorher passiert ist." - "Gemacht."

"Twin Peaks", der Film zur Fernsehserie, erzählt aus den letzten sieben Tagen im Leben von Laura Palmer. Laura (Sheryl Lee), das blonde Collegegirl aus dem Bergstädtchen Twin Peaks, wird von Dämonen verfolgt. Einer der Bösewichte heißt Bob (Frank Silva) und sitzt im Körper von Lauras Vater Leland (Ray Wise). Er (der Vater, der Dämon) kriecht unter Lauras Bettdecke, lockt sie im Traum in einen geheimnisvollen "roten Salon", verführt sie zum Drogen- und Geschlechtsgenuß und schlägt sie am Ende tot. Für Gewohnheitszuschauer der Serie "Twin Peaks" ist diese Handlung, um es milde auszudrücken, ein alter Hut. Für Uneingeweihte ist sie, um es schroffer zu sagen, schlichter Unsinn. In "Twin Peaks", der Serie, war Laura Palmer nur als Leiche, als Photographie und Videobild oder als Wiedergängerin in Gestalt ihrer Cousine Maddy vorhanden; sie "weste ab", wie Dr. Lacan und Mr. Heidegger das wohl formuliert hätten. Überhaupt weste in Lynchs Fernsehgeschichte vieles (die Logik, die Spannung, die Glaubwürdigkeit) eher ab als an, was der Serie zwar eine kleine Fangemeinde und die Sympathien einiger poststrukturalistischer Wirrköpfe eintrug, aber die an "Diskursen" uninteressierten Zuschauer auf die Dauer langweilte. Im Kino jedoch gilt, wie Patrick Bahners in der FAZ scharfsinnig erkannt hat, daß "alles ist, was es ist". Deshalb muß Lynch nun alle die Rätsel, die er im Fernsehen raunend beschwor, auf der Leinwand stammelnd nachbuchstabieren. Daß er diese Dilemma wenigstens geahnt hat, beweist sein verschwenderischer Gebrauch der Überblendung, des fragwürdigsten Mittels der Kinematographie. Die Blende flickt zusammen, was nicht zusammengehört: Laura und die Dämonen, den Alltag und die Alpträume, den schönen Schauplatz und die dumpfe, enge, sauertöpfische Moral. In "Wild at Heart" hat Lynch den Wahnsinn Amerikas auf der Spitze eines brennenden Streichholzs balanciert, in "Twin Peaks" predigt er Vorsicht und Tugend aus der Schulmädchenperspektive. Diese Blume des Böses ist am Busen des Blöden genährt. In Robert Fischers lesenswerter Monographie "David Lynch - Die dunkle Seite der Seele" (Heyne Filmbibliothek, München 1992, 16,80 Mark) erzählt Lynch, was ihm zu berühmten Regisseuren einfällt. Etwa zu Luis Bunuel: "Nach allem, was man mir erzählt hat, glaube ich, daß mir seine Filme sehr gefallen würden. Aber dazu müßte ich sie erst einmal sehen." Hätte Lynch sich ein paar von Bunuels Filmen der fünfziger bis siebziger Jahre angeschaut, zum Beispiel "Tristana" oder den "Diskreten Charme der Bourgeoisie", wäre ihm "Twin Peaks" wahrscheinlich erspart geblieben.

Aber David Lynchs nächster Film wird von Ciby 2000 produziert. "Drehen Sie mal einen typischen Lynch-Film, mit ein bißchen Kultur. Kafka vielleicht..." - "Das möchte ich verfilmen, keine Frage. Kafka ist mein Lieblingsautor. 'Die Verwandlung' wäre allerdings für einen Spielfilm zu kurz, aber man könnte sie vielleicht mit dem 'Landarzt' kombinieren. Ich brauche nur jemanden, der mir einen überzeugenden Käfer baut." Die Geschichte geht weiter. Wir hoffen das Schlimmste.

Andreas Kilb
Die Zeit, 28 Septembre 1992

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