
"Twin Peaks" ist sicher nicht David Lynchs stärkster Film, aber sein am weitesten unterschätzter.
Beim diesjährigen Filmfestival in Cannes fiel die große Mehrheit der internationaler Kritiker wie Hyänen über ihn her.
Dabei waren sie nur in ihre eigene Falle gerannt: Sie hatten eine neue Folge von "Twin Peaks" erwartet,
die alles bisher im Fernsehen Gesehene in den Schatten stellen sollte. Anstatt den Kopf vom Ballast der
30 TV-Folgen zu befreien und sich einem abendfüllenden Kino-Film zu öffnen, machten sie genau das Gegenteil
und verkrampften sich in ständigen Vergleichen zwischen dem, was sie kannten, und dem, was sie gerade
im Begriff waren, kennenzulernen. Dabei mißverstanden sie so manchen sinnreichen Wiedererkennungseffekt
als einfallslosen Wiederholungstrick.
David Lynch, ein typisch amerikanisch Naiver, beherrscht nämlich die Balance zwischen gradlinig
emotionalem Erzählen und grinsendem Humorisieren ziemlich perfekt. Je dicker er aufträgt,
desto weniger ernst meint er es. Je deutlicher man im Film Details aus der TV-Serie wiedererkennt,
desto lustiger wird man eingestimmt auf den nächsten Augenblick der Angst. Der Spannung tut das keinerlei
Abbruch, sie bekommt dadurch einen lässigen Kick.
"Twin Peaks- Fire Walk With Me" (der deutsche Verleih ersetzte den feurigen Begleititel durch ein
phantasieloses "Der Film") erzählt von den Vorgängen vor Laura Palmers Tod. Im Wind River wir die Leiche
von Teresa Banks gefunden, einer Kellnerin und gelegentlichen Prostituierten.
FBI-Chef Gordon Cole (David Lynch) beauftragt lautstark am Telefon den FBI-Spezial-Agenten
Chester Desmond (Chris Isaak) mit der
Untersuchung des Falls. Desmond bringt seinen Kollegen Sam Stanley (Kiefer Sutherland) mit,
und schon bei ihrer Ankunft am Flugplatz beginnen die Merkwürdigkeiten.
In dem Holzfäller-Kaff im Nordwesten der USA geht es extrem unordentlich zu hinter der kleinbürgerlichen
Fassade. Sex, Drugs & Crime sind gang und gäbe. In Twin Peaks sind die Nächte bang.
FBI-Super-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan), der gerade nicht nur im Traum seinem totgeglaubten Kollegen
Jeffries (David Bowie) begegnet ist, hat sich flugs nach Twin Peaks begeben. Seine Befürchtungen, daß das
plötzliche Verschwinden von Agent Desmond nicht das einzige dunkle Rätsel nach dem Mord an Miss Banks bleiben wird,
finden bereits ein Jahr später ihre Bestätigung.
Die blonde Highschool-Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) ist mittendrin im Teufelskreis des
unheimlichen
Bösen. Nacht für Nacht wird sie in ihrem Zimmer von Bob vergewaltigt, der niemand anderes als ihr eigener
Vater ist. Laura braucht ihr Kokain, das sie zuverlässig von Bobby Briggs (Dana Ashbrook) bekommt. Das Feuer,
eine beliebte Lynch-Metapher für die Wonnen der Gefahr,
begleitet Laura immer intensiver. Und es kommt schließlich zum tödlichen Ausbruch, wenn der schizophrene
Vater Leland Palmer (Ray Wise) seine Tochter beim käuflichen Sex trifft.
David Lynchs in Bild (Kamera: Ron Garcia) und Ton laute, überhitzte Inszenierung seiner eigenen
und vieler Kleinbürger-Phantasien ist nichts anderes als Soap Opera mit verstörenden Mitteln.
Lynch schreckt uns aus Verlogenheiten und Verdrängungsmechanismen respektlos und mit seltsamen,
aberwitzigen Humor auf. In der Kürze eines zweistündigen Kinofilms gelingt das sogar pointierter
als in dreißig TV-Folgen,