Twin Peaks
par Andre Simonoviescz
In "Blue Velvet" hat David Lynch die  amerikanische Kleinstadt als Hort des Bösen ausgemacht: Drogen, Korruption und sexuelle Perversion dominieren ein aus den Fugen geratenes ländliches Amerika. "Twin Peaks - Fire Walk with  me" ist die stringente Weiterentwicklung  dieses Konzepts - nur noch unversöhnlicher, bösartiger and hoffnungsloser

Auf  das friedliche Elternhaus in der nordwestlichen Provinz der USA reagierte der junge David Lynch schon früh mit ei ner Ambivalenz, die später auch seine Filme auszeichnen sollte. Bei Verwandtenbesuchen in New York waren die Treppen der U-Bahn für ihn "ein Weg in die Hölle". Doch während die heimatliche Welt von der heilen Kleinstadt "Peyton Place" in Buchform, Filmen and TV Serie zelebriert wurde, wünschte sich Lynch nichts sehnlicher, als daß "etwas Ungewöhnliches passieren sollte. Zum Beispiel ein schlimmer Unfall, so daß man allein zurückbleibt. Auch das ist ein schöner Traum. Aber natürlich ging alles weiter seinen ganz normalen Gang".

"Twin Peaks - der Film" ist die Kulmination der Konfrontation zwischen Katastrophensehnsucht and Grauen. In fast allen Lynch-Filmen mißlingt die Sozialisation des Jugendlichen im Übergangsstadium zum Erwachsensein, zumeist manifestiert es sich in sexuellen Traumata. Eltern and Familie sind verantwortlich, schon Henry in "Eraserhead" wurde ein Opfer der sinistren Familie seiner Freundin Mary; dieser Alptraum sollte übrigens Lynchs einziger Ausflug in die urbane Schreckenswelt sein; in "Blue Velvet" (1986) kreierte er mit Lumbertown das Peyton Place der 80er Jahre: Drogen, Korruption and sexuelle Perversionen dominieren ein aus den Fugen geratenes Kleinstadt-Amerika.

Nach dem Erfolg der dreißigteiligen Fernsehserie "Twin Peaks" wollte Lynch mit der Filmfassung ein Prelude, ein Prequel drehen; doch "Twin Peaks - der Film" hat weniger mit der innovativen Krimiserie gemein, sondern ist eher eine stringente Weiterentwicklung von "Blue Velvet" - nur noch unversöhnlicher, bösartiger and hoffnungsloser.

Die FBI-Agenten Dale Cooper (Kyle MacLachlan) and Sam Stanley (Kiefer Sutherland) werden nach Twin Peaks, einer Holzfällerstadt an der kanadischen Grenze, beordert, um den Mord an der Kellnerin and Gelegenheitshure Teresa Banks aufzuklären. Nachdem Stanley wie vom Erdboden verschluckt verschwindet, ahnt Cooper, daß dies nicht der einzige Mord in Twin Peaks sein wird. Ein Jahr später: Die siebzehnjährige Laura Palmer (Sheryl Lee) ist die "Queen" der örtlichen Highschool; sie hat ein romantisches Verhältnis mit James Hurley (James Marshall) and eine eher geschäftliche Verbindung mit Bobby Briggs (Dana Ashbrook), der sie mit Kokain versorgt. Doch noch nicht einmal ihrer besten Freundin Donna (Moira Kelly) erzählt Laura etwas von Bob, der sie seit fünf Jahren regelmäßig in ihrem Schlafzimmer vergewaltigt. Zunächst glaubt man, daß Bob eine monströse Ausgeburt ihrer Phantasie ist.

Hatte Jeffrey in "Blue Velvet" noch eine Chance gegen den mörderischen Psychopathen Frank Booth, konnte er sich sogar gegen die gefährliche Schönheit Dorothys and für die biedere Sandy Williams entscheiden, so ist Laura ihrer Kleinfamilie hilflos and isoliert ausgeliefert: Ihr Vater Leland (Ray Wise) bringt seiner kettenrauchenden Frau abends ein Glas Milch mit Barbituratzusatz aufs Zimmer, bevor er durchs Fenster ins Schlafzimmer seiner Tochter steigt, die sein Gesicht mit dem des bösen Bob ersetzt, weil sie sich die Wahrheit lange nicht eingestehen kann. (In der Fernsehserie verselbständigt sich Bob and wird zur Nemesis von Twin Peaks, der auch Dale Cooper zum Opfer fällt).

Nichts drückt Lauras Terror besser aus als der Umschnitt, nachdem sie sich endlich erlaubt, ihren Vater als Vergewaltiger zu erkennen: von dessen brutalem, besitzergreifendem Gesicht landet die Kamera auf einem Löffel voller Cornflakes. Wir sind beim Frühstück der Familie Palmer; man sieht, wie Laura den Löffel langsam auf ihren Mund zuführt, während sich Leland Palmer harmlos-arglos nach dem Wohlbefinden seiner Tochter erkundigt.

In "Peyton Place" (wie auch in Lynchs "Wild at Heart") wird der Vergewaltiger der Minderjährigen bestraft - in "Twin Peaks - der Film" ist Leland Palmer hinter seiner kleinbürgerlichen Fassade sicher: Wie andere hat er regelmäßig die Dienste Teresa Banks in Anspruch genommen, bis sie ihm eines Tages seine eigene Tochter and deren Freundin Ronette zuführte. Als er Laura and Ronette beim (bezahlten) Verkehr mit zwei Männern in einem Schuppen beobachtet, explodiert die mühsam gebändigte Schizophrenie.

Das kollektive Unterbewußtsein der TwinPeaksWelt ist symbolisch in einer Höllenwelt angesiedelt, wo ein tanzender Zwerg regiert; während das Feuer, Signalwirkung in vielen LynchFilmen, sich überall ausbreitet: Die Kleinstadt-Familie lebt jetzt in der Unterwelt.


"Twin Peaks - Fire Walk with me", USA 1992; R: David Lynch; P: Gregg Fienberg, Francis Bouygues; B: David Lynch, Robert Engels; K: Ron Garcia; S: Mary Sweeney; A: Patricia Norris; M: Angelo Badalamenti; D: Sheryl Lee, Ray Wise, Moira Kelly, Kyle MacLachan, David Bowie, Harry Dean Stanton; Farbe, 135 Minuten.

Andre Simonoviescz
tip Filmjahrbuch Nr. 9

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