Das Leben ist kein Film mit Doris Day
par Marcia Pally
Das sündhafte erste Leben des Laura Palmer. Marcia Pally schreibt über David Lynchs "Twin Peaks Fire Walk With Me"

David Lynchs Twin Peaks Fire Walk With Me ist wie der Exorzist plus Kokain. Man muß sich das bildhaft vorstellen, um eine Idee von der Gewalt von Lynchs Bildern zu bekommen. Stärker als in jedem Film zuvor und sicherlich eindrucksvoller als in der Twin Peaks-TV-Serie auf dem kleinen Schirm gewinnt die Erfahrung, die er den Zuschauern vermittelt, an nachhaltiger mythischer Tiefe und chaotisch bedrängender, alptraumhafter Atmosphäre. Man erhält einen Eindruck von den Visionen der Flagellanten, wenn sie richtig zuschlugen. Diese Kraft macht Fire Walk With Me vielleicht auch zu Lynchs gefährlichstem Film - nicht weil er das Böse zeigt, sondern wegen der Ursachen, die er ihm implizit zuschreibt. Erschreckende Lösungen bieten sich an. Fire Walk With Me ist die Geschichte der letzten Woche im Leben von Laura Palmer aus der geruhsamen Gemeinde Twin Peaks; das Leben einer Oberschülerin, die in der Fernsehserie nur als Leiche zu sehen ist. In gewissem Sinne ist Fire also die Vorgeschichte und liefert nach, was vor dem Beginn der Fernseh-Episoden passierte. Laura wurde von ihrem Vater sexuell mißbraucht, erfährt man im Verlauf des Films, und außerdem war sie bei ziemlich harten Sex- und Drogen-Parties dabei. Davon abgesehen ist sie der typische Teenager. Wie in seinen früheren Arbeiten entdeckt Lynch unter der sauberen Ordnung des vorstädtischen Amerika Sex und Korruption. Sex und Korruption faszinieren Lynch, und mit jedem Film baut er sie etwas größer auf, um besser mit ihnen liebäugeln zu können. Mit einer Kameraführung wie in Alice im Wunderland und einem ebenso verwirrenden Ton begibt er sich mitten in die Hemmungslosigkeit hinein. Er weidet sie aus, um ihre Gefährlichkeit zu zeigen, ihre Scheußlichkeit. Das beste Beispiel sehen wir in einer Disco - eine Drogen- und Sexszene, wie sie nur ein Filmemacher mit seiner Fähigkeit zur Manipulation der Sinne durchhalten oder für die Zuschauer so verstörend gestalten kann. Wie die meisten Zuschauer wissen, ist das Leben kein Film mit Doris Day. Lynchs "Entdeckung" von Sex und Korruption hinter jedem Vorstadt-Einkaufszentrum hat man als Satire eingeschätzt, als Parodie auf die Seifenopern und B-Filme, die sich von dieser Art "Entdeckungen" nähren. Seine Arbeit ließe sich mit der von Almodovar vergleichen, ohne dessen Anrüchigkeit. Beide Regisseure gestalten ihre Satire eng nach dem Original; beide ermuntern die Zuschauer, sich mit den Figuren zu identifizieren, in Kopf und Kinosessel große Dramen nachzuspielen und sich dessen doch immer bewußt zu bleiben. 

Aber Almodovar nutzt seine Satire, um das Individuum zu verteidigen. In seiner Liebesgeschichte mit dem Melodrama fordert er die Zuschaue auf, ihre eingefressenen Idiosynkrasien gegen Staat, Kirche oder jede Art Gruppendenken zu bekräftigen. Lynch nutzt seine Filme zum entgegengesetzten Zweck. Seine "Entdeckungen" von Sex und Korruption sind ernst gemeint. Er übertreibt Augenblicke extremer Leidenschaft nicht, um sie (wie Almodovar) auszukosten, sondern um sie der Sünde zu bezichtigen. Wann immer eine von Lynchs Figuren Geschlechtsverkehr hat, sind Drogenmißbrauch oder Gewalt die Folge. Alle Inbrunst, alle Momente der Triebhaftigkeit vereinigen sich zum Untergang. Die Figuren können nur gerettet werden, wenn sie ihre Unschuld zurückgewinnen. Am Ende von Wild at Heart zum Beispiel ist alles gut, wenn Nicolas Cage und Laura Dern sich dem Teufel widersetzen (eindrucksvoll gespielt von Willem Dafoe und Diane Ladd), wenn sie heiraten und einen Hausstand gründen. Fire Walk With Me endet mit einer langen, religiösen Sequenz, in der Laura Palmer, die nicht gut sein wollte, ermordet wird und Erlösung im Jenseits suchen muß. Dieses Finale stört, weil es nicht nur langweilig, sondern auch keine Satire ist. Wie in vielen seiner Filme dehnt Lynch seine besten Bilder über ihre Kraft hinaus. Der hektische Surrealismus, der einen in der ersten Disco-Sequenz in seinen Bann schlug, wirkt nach der x-ten Wiederholung nur noch ärgerlich. Wichtiger noch: Lynch meint, was er sagt - wenn wir uns nur vom Sex und anderen Erscheinungsformen der Hemmungslosigkeit fernhielten, blieben wir von Gewalt verschont und wären sicher.

Marcia Pally
taz, 18 Mai 1992

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