Verwirrung um Laura Palmer
par Carla Rhode
Der Kinofilm zur Fernsehserie: David Lynchs "Twin Peaks" vermag nicht zu überzeugen

 

 

Wer ist der Mörder von Laura Palmer? Vor etwa zwei Jahren bewegte diese Frage die amerikanische Nation. David Lynch hatte mit seiner Serie über das geheimnisvolle Doppelleben einer High-School-Blondine, seiner ersten Fernseharbeit überhaupt, einen Hit gelandet. Dreißig Folgen hielten nicht nur die Krimi-Gemeinde und allerorten frisch gegründete Rategruppen in Atem. Auch Cineasten galt "Twin Peaks" als Muß, das TV-Spiel wurde zum Kultobjekt und das Gesicht der schönen, in Plastikfolie verpackten Wasserleiche Laura erlangte ähnliche Popularität wie seinerzeit die Totenmaske der "Unbekannten aus der Seine". In über fünfzig Länder wurde die Serie schließlich verkauft, von einem Medienereignis zu sprechen scheint nicht übertrieben.

Wenn die deutschen Zuschauer nicht ganz so heftig vom Laura-Palmer-Fieber ergriffen wurden, hat das mehrere Gründe und muß hier nicht weiter beschäftigen. Schließlich kann nicht jeder die Programme von RTL plus empfangen, außerdem schoß ein konkurrierender Sender mit der vorzeitigen Preisgabe der Identität des Mörders wirkungsvoll quer.

Die Meldung in der amerikanischen Presse, der Fernsehsendung werde nun eine Kinofassung folgen, konnte durchaus als gute Nachricht verstanden werden. Nun wollte David Lynch die Vorgeschichte des spannenden Mordfalls enthüllen und mit einer Chronik der letzten sieben Tage des unglücklichen Mädchens aufwarten. Laura Palmer sollte leben, doch darauf hat sich der Kinozuschauer zu früh gefreut.

"Twin Peaks - Der Film" ist keine Ergänzung der Laura-Palmer-Story, jedenfalls nicht, was den Ablauf der Ereignisse betrifft. Mit der Fernsehserie hat das Kinostück weniger zu tun als mit den früheren Spielfilmen des David Lynch. Wie schon in "Blue Velvet" und in "Wild at Heart" ging es dem Zuschauer um die dunkle Seite der Seele seiner Figuren. So öffnet sich der Realismus bestimmter Situationen immer wieder ins Surreale, Traum und Wirklichkeit vermischen sich. Da tanzen Zwerge bedeutungsvoll vor roten Samtvorhängen, ein Mann mit weißer Maske geistert geheimnisvoll durchs Bild, und die Toten besuchen die Lebenden, um ihnen weise Ratschläge zu erteilen.

Nun kann der David-Lynch-Fan von jenen hypnotischen Sequenzen, die unter die Oberfläche des Lebens dringen und das Unbewußte enthüllen, gar nicht genug bekommen, oft gehören sie ja zum besten seiner Filme. Aber hier, in der Kinofassung, schaffen sie mehr Verwirrung als Erkenntnis. Wer die TV-Serie nicht kennt, wem die Personen nicht vertraut und Details des Falls nicht geläufig sind, der ist in diesem Fall hoffnungslos verloren. Es fehlt einfach zuviel an notwendiger Information, so daß einzelne Szenen eher als Bruchstücke denn als Teile eines Gesamtbildes erscheinen.

Lynch hat den Personenkreis, Lauras Freunde und Mitschüler, deren Eltern, Geschäftsleute, Diskothekenbesitzer und so weiter, zwar auf ein Minimum reduziert, trotzdem sind es immer noch zu viele, die in Kurzauftritten, die meistens keinen Sinn ergeben, durch den Film huschen, damit die Kenner ärgern und die Uneingeweihten nur verwirren. Den Reiz der Fernsehserie machte doch hauptsächlich aus, wie mit dem Mord an der schönen 17jährigen (Sheryl Lee), die als beliebteste Schülerin ihrer Schule galt und zur Ballkönigin gekürt worden war, langsam Beunruhigung und Verstörung unter den Kleinstadtbürgern um sich greifen.

Wie andererseits die ermittelnden FBI-Beamten Schritt für Schritt hinter der puritanischen Fassade ein Sündenbabel entdecken. "Dieser Fall wird mich länger beschäftigen", vertraut der FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) gleich nach seiner Ankunft in dem verschlafenen Holzfällerstädtchen nahe der kanadischen Grenze seinem Tonbandtagebuch an, wohl ahnend, daß es nicht leicht sein werde, hinter die Geheimnisse von Twin Peaks und seiner verschlossenen Bewohner zu dringen. Von dieser originellen Figur, die nichts mehr gemein hat mit dem Special-Agent-Klischee anderer Krimis, die sympathische Ticks und Spleens hat und halluzinatorische Erleuchtungen in die Ermittlungsarbeit einbezieht, ist im Kinofilm kaum etwas übriggeblieben. Nur die erste halbe Stunde beschäftigt sich mit den Aufklärungen (eines anderen Mordfalls übrigens, der sozusagen die Vorgeschichte der Vorgeschichte ist und Rivalitäten und Kompetenzstreitigkeiten zwischen den FBI-Leuten und der örtlichen Polizei aufgreift). Wenn der Film bei Laura Palmer angekommen ist, wird er ausschließlich zur Tragödie einer Drogenabhängigen, die sich das Geld für den Dealer mit Prostitution verdient und in ihrem scheinbar wohlbehüteten Elternhaus eine wahre Leidensgeschichte erlebt.

So hat der Film auch seine Stärken. Die Schreckensbeziehung von Vater (Ray Wise) und Tochter wird wegen ihrer intensiven, geschlossenen Schilderung zur brillianten Studie über den Psychoterror innerhalb einer Familie, über Abhängigkeiten und Unterdrückungen. Lauras Verlorenheit, ihr Unglück über ein sinnloses, verpfuschtes Leben geht sogar wirklich unter die Haut. "Ich bin doch schon ganz weit weg", versucht sie ihren Freund James (James Marshall), den einzigen Menschen, der sie aufrichtig liebt, zu trösten, nachdem sie ihm zu verstehen gegeben hat, daß sich ihre Liebe nicht verwirklichen läßt.

David Lynch hat Laura Palmer durch die Hölle geschickt, ihr Tod nach Vergewaltigung und Folter soll die ersehnte Erlösung bringen, aber muß sie dermaßen trivial und kitschig ausfallen? Nach ihrer Ermordung findet sie sich, von einem Engel geleitet, lächelnd im Jenseits ein. Dahin mögen wir ihr nun nicht mehr folgen.

Carla Rhode
Der Tagesspiegel, 21 Août 1992

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