Wenn Väter zu sehr lieben
par Patrick Bahners
David Lynchs Enigma-Variationen sind nur noch ihm selbst ein Rätsel: "Twin Peaks" im Kino
David Lynchs Enigma-Variationen sind nur noch ihm selbst ein Rätsel: "Twin Peaks" im Kino

Die blonde Göttin stirbt einen schrecklichen Tod. Er ist gewaltsam, also rätselhaft. Ermittlungen setzen ein. Spuren treten zutage. Konturen eines Doppellebens zeichnen sich ab. Die die Sehnsucht der Männer beherrschte, hat ihre Sehnsucht an Männer verkauft, die sie mit Drogen beherrschten. Die Unberührbare hat sich berühren lassen, noch dazu vom mächtigsten Mann des Gemeinwesens. Aber die Wahrheit kommt nicht ans Licht. Die Zeichen vervielfältigen sich. Sie verweisen nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf neue Zeichen. Jeder kann seine Geschichte vom Tod der Göttin erzählen. Aber jede neue Version steigert den Verdacht, daß die Wahrheit nicht seltsam und romantisch ist, sondern banal und schäbig. Warum mußte sie sterben? Diese Frage führt auf die Höhenzüge der Metaphysik, wo auf einem Feldweg nahe Sils-Maria Determinismus und Willensfreiheit einander in ewigem Streit gegenüberliegen. Aber alle Metaphysik vernebelt doch nur den Schrecken der Antwort auf die schlichte Frage: Warum starb sie? Die Göttin starb, weil sie sterblich war. Marilyn Monroe starb vor dreißig Jahren. Laura Palmer war immer schon tot. Es war der Gag von "Twin Peaks", der Fernsehserie von David Lynch und Mark Frost, daß die Hauptperson nicht auftrat. Zwar ist es nichts Ungewöhnliches, daß ein Kriminalfilm beginnt, wenn der Mord geschehen ist: "Twin Peaks", die platonische Idee des mixtum compositum, nahm auch die Idee des Kriminalfilms in sich auf. Aber die abwesende Hauptperson versinnbildlichte, daß die Fernsehserie, deren Anfang und Ende gleich willkürliche Einschnitte im Fluß der Zeit sind, eine leere Mitte hat, die erst der Zuschauer mit Bedeutung füllt. Anwesend war Laura Palmer nur in Repräsentationen: Ihre Leiche im durchsichtigen Plastiksack, das Foto der High-School-Königin, ihre Cousine Madeleine als Wiedergängerin, ein Videofilm verwiesen auf Laura, die immer unsichtbar blieb. Ein Maß des Erfolges der Serie ist auch die Berühmtheit, die die Schauspielerin Sheryl Lee erlangte, obwohl sie als Laura Palmer eigentlich nicht auftrat. Auf dem Gipfel des Erfolges liefen tolle Menschen auf die Marktplätze Amerikas, deren T-Shirts verkündeten: I killed Laura Palmer. Wie in der Matthäus-Passion das Kunstwerk in den Gottesdienst aufgehoben wird, wenn der Chor für die Gemeinde die Frage nach dem Verräter mit dem Choral "Ich bin`s, ich sollte büßen" beantwortet, so zielt das Werk von David Lynch gerade in seiner Hermetik auf eine Gemeinde, die die Grenze von Kunst und Leben durchstreicht. David Lynch spricht den Glaubenden nun von aller Schuld frei, indem er ihm in seinem Kinofilm "Twin Peaks - Fire Walk With Me" enthüllt, wer Laura Palmer wirklich getötet hat. Zwar hatte Special Agent Dale Cooper schon in der Serie einen Geist namens Bob im Körper von Laura Vater als Mörder identifiziert; aber dieses Ermittlungsergebnis gab mehr Rätsel auf, als es löste. Nun zeigt Lynch, wie es eigentlich gewesen. Doch das Gesetz er Magie siegt diesmal über den Magier. Im Moment, da Lynch das verschleierte Bild zu Twin Peaks enthüllt, muß das Antlitz er Göttin seine Macht verlieren. Der Glaubende darf sich durchaus betrogen fühlen wie Dorothy im "Zauberer von Oz", wenn der Schloßherr als Hochstapler entlarvt wird. Lynch hat einen Film über Laura Palmer gedreht, wie Lynch und Frost ihn hatten über Marilyn Monroe drehen wollen: "Goddess", die letzten Tage der Göttin. Oder ist auch diese Information nur ein Irrlicht, durch das Lynch auch die Vermarktung seines Mythos noch seinem Mythos unterwerfen will? Lynch besitzt ein Stück des roten Samtstoffes, auf dem die Monroe nackt posiert hat. Sind aus diesem Stoff die Vorhänge in jenem roten Zimmer, in dem Agent Cooper der Toten begegnet? Zwei Dinge gebe es, vertraut Cooper in der Serie seinem Diktiergerät an, "die mich immer noch beschäftigen, und ich spreche jetzt nicht nur als FBI-Agent, sondern auch als Mensch: Was geschah wirklich zwischen Marilyn Monroe und den Kennedys, und wer genau hat auf JFK geschossen?" Da muß doch ein Zusammenhang bestehen, möchte man mit Nietzsche meinen, gerade weil zunächst kein Zusammenhang ersichtlich ist. Das Versprechen eines Zusammenhangs, das ewig erneuert und nie eingelöst wird, ist das Versprechen von "Twin Peaks". Es ist der Sirenengesang der Metaphysik. 

Der Zuschauer der Serie hat diesen Versprechen geglaubt, weil er in Agent Cooper einen Stellvertreter hatte. Agent Cooper ist die Idee des Detektivs. Alle Detektivfilme begleitet der Verdacht des Nominalismus: der Detektiv kann nie wissen, ob er die Rätsel, die er deutet, nicht erst erfindet. In der Serie ist der Zuschauer mit Cooper den Weg der Metaphysik gegangen. Cooper begann seine Ermittlungen unter der Prämisse des Realismus, daß unter der verwirrenden Oberfläche eine einfache Wirklichkeit liegt. Die nominalistische Einsicht in die Beliebigkeit aller Zeichen ließ ihn nicht in den Relativismus stürzen, da er erkannte, daß er selbst ein Teil der Wirklichkeit ist, die für ihn daher nie völlig beliebig sein kann. Die Einsicht, daß der Detektiv die Welle ist, führte ihn zur Entdeckung des Unbewußten. In der letzte folgte verwandelte der Detektiv sich in Bob, den bösen Geist. Damit ist der Erkenntnistrieb selbst als das Böse reflektiert: die Geschichte der Metaphysik erreicht Schelling und schließt zugleich wieder an ihren Anfang an, an das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Im Prolog des Kinofilms führt Cooper nun das Paradox der Beobachtung vor. Er stellt sich vor die Videokamera der FBI-Zentrale, geht dann hinüber zum Bildschirm und sieht sich nicht. Special Agent Nick Luhmann sagt: Der Beobachter kann sein Beobachten nicht Beobachten. Nach dem Prolog tritt Cooper, der ja erst nach dem Mord in Twin Peaks ankommt, nicht mehr auf. Der Zuschauer verliert seinen Stellvertreter, und die Zeichen werden ihm beliebig. Einerseits sieht er eine effektvoll inszenierte Inzestgeschichte: Wenn Väter zu sehr lieben. Andererseits sieht er drei flottierende Signifikanten: Einarmige, Zwerge, Engel. Zwischen diesen beiden Ebenen muß er keinen Zusammenhang mehr vermuten, da jedes Melodram sich von selbst erklärt. "Was Geheimnisse so interessant für mich macht", sagt Lynch, "ist das geheimnisvolle Drumherum." Wie laut Adorno die Sehnsucht in Eichendorffs "Sehnsucht" die Sehnsucht nach der Sehnsucht ist, so ist das Geheimnis von Twin Peaks das Geheimnis des Geheimnisses. Eine Fernsehserie kann dieses Geheimnis ergründen. Sie ist die Idee unseres Zeichenverstehens: Wie jedes Zeichen auf eine Bedeutung verweist, die wider zum Zeichen werden kann, verweist jede Folge auf die nächste Folge. Die Eulen sind nicht was sie scheinen: das gilt in der Serie. Im Film gilt: alles ist, was es ist. Im Kino sehen wir, was wir im Fernsehen nicht sahen. Zwischen Laura, dem Lastwagenfahrer und dem fetten Barmann geht in einer Hütte etwas Fessel-Sex ab. Und das soll das Unaussprechliche sein, von dem in der Serie andauernd die Rede war? Man wird an eine Bildergeschichte von Robert Gernhardt erinnert, in der die sensationelle Super-Sauerei aus Dänemark ("etwas so Schweinöses, daß Sie glatt vom Stühlchen fallen") sich als Reisespaß entpuppt. Alle schlechte Unmittelbarkeit relativiert der Prolog, der die Haupthandlung in Anführungszeichen setzt. Das rettet den Film nicht mehr, aber den Regisseur. Das FBI ermittelt in Deer Meadow im Fall vor Laura Palmer, im Fall Teresa Banks. Twin Peaks,schlechthin einmalig, wird in "Twin Peaks" parodistisch verdoppelt, mit teilweise fabelhaft komischem Effekt. Am Ende des Prologs sagt Cooper voraus, daß ein neuer Mord geschehen wird: "Aber wie das Lied sagt - wer weiß, wann oder wo?" Schnitt. Jetzt erst folgt die Einstiegssequenz der Serie mit der Erkennungsmelodie von Angelo Badalamenti. Der Regisseur weiß immer, wann oder wo, und betreibt, mögen alle Göttinnen sterben, in Ruhe die Sinngebung des Sinnlosen. Dieser Regisseur spielt in seinem Werk mit. Der FBI-Agentenleiter Gordon Cole gibt seinen Männern Instruktionen, die seine grell geschminkte Cousine in Gebärdensprache verschlüsselt. "Es wird viel Beinarbeit zu leisten sein." Die Anweisungen sind gar nicht geheim. Wie Gordon Cole gibt David Lynch Rätsel auf, die entweder sinnlos sind oder banal.

Patrick Bahners
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20 Août 1992

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