Fan-Zinierend
par Hans Messias
David Lynchs Kinofilm "Twin Peaks"

Bei aller Kritik, die sich immer auch mit dem Erfolg einstellt, irgendetws muß schon drangewesen sein, an David Lynchs Fernseh-Serie "Twin Peaks", die im letzten Jahr von RTL plus (20 Folgen) und Tele 5 (die restlichen 5 Episoden) im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. "Twin Peaks"-Parties wurden gefeiert, der Sender richtete ein Network ein, bei dem sich jeder Anrufer über den Stand der Dinge informieren konnte. Für die Fans der Serie, die sich rasch herauskristallisierten, unter ihnen auch schon längst des Fernsehens müde Zuschauer, wurden die Sende-Termine zu einem Muß, Video-Kassetten mit Aufzeichnungen der einzelnen Folgen kursierten in so manchem Freundes- und Bekanntenkreis. In Cannes stellte David Lynch seinen Kinofilm "Twin Peaks - Der Film" / "Twin Peaks - Fire walk with me" vor und fiel bei der versammelten Kritik durch. Dabei scheint sich der Unmut gar nicht so sehr am Produkt festmachen zu lassen, sondern eher in dem Argwohn begründet zu sein, Lynch, der 1990 in Cannes mit der "Goldenen Palme" für "Wild at Heart" in den Filmhimmel berufen wurde, würde sich nun an das "minderwertige Medium" Fernsehen verkaufen. Gewiß, für seinen neuen Film nutzt Lynch die Erzählstrukturen des Fernsehens, doch wie bereits bei der "Twin Peaks"-Serie geht er dabei äußerst subversiv vor, versucht, die Grenzen neu zu ziehen, neue Formen zu testen, in denen sich Kino und Fernsehen zu einer neuen Einheit verbinden. Die Geschichte ist zweifelsohne Fernsehen, doch ist sie viel düsterer als man es von diesem Medium gewohnt ist, und die einzelnen Teile, aus denen sich die Handlung zusammensetzt, sind dem Repertoire des Kinos entlehnt. Bilder, Bildausschnitte und Erzählrhythmus sind dem Kino verpflichtet. Welches Fernsehspiel nutzt schon Blenden der mannigfaltisten Art, um seine Geschichte zu strukturieren? Auch die Helligkeitswerte - vieles spielt sich im Halbdunkel oder im Dunkeln ab - sind für die lichtintensivere Kinoleinwand ausgewählt, machen im Fernsehen / auf Video vielleicht später einmal - durch den Einsatz der HDV-Technik - Sinn. Vielleicht übt sich Lynch ja als Vorreiter einer Medienentwicklung, an deren Ende die Fusion beider Medien steht. Überlegungen von seiten finanzgewaltiger Sender gibt es da schon, und so wäre es schön dumm, nicht zu versuchen, die Weichen eines langsam anrollenden Zuges in eine neue Medienzukunft zu stellen.

Vertraute Rollen und Namen

"Twin Peaks - Der Film" erzählt quasi die Vorgeschichte des Mordes an der Schülerin Laura Palmer und davon, wie das Böse nach Twin Peaks, dem ebenso verträumt wie idyllischen Städtchen an der amerikanisch-kanadischen Grenze, kam. Zu diesem Zweck versammelt der Regisseur fast seine komplette Film-Familie: natürlich darf Special-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan), auch wenn er nur kurze, von Visionen geprägte Auftritte hat, nicht fehlen; Pop-Sänger Chris Isaak - er komponierte den "Wild at Heart"-Hit "Wicked Game" - ist ebenso mit von der Partie, wie fast der gesamte technische Stab, mit dem Lynch schon seit langem zusammenarbeitet. Produktionsdesignerin Patricia Norris stattet bereits "Der Elefantenmensch", "Blue Velvet" und "Wild at Heart" aus, Cutterin Mary Sweeney schnitt "Blue Velvet", "Wild at Heart" und die "Twin Peaks"-Serie, der Komponist Angelo Badalamenti arbeitet seit 1986 ("Blue Velvet") für Lynch, und Kameramann Ron Garcia, der Coppolas wundervollen und weit unterschätzten Film "One from the heart" fotografierte, gehört seit der Fernsehserie zum Team. Natürlich tauchen auch die "Twin Peaks"-Bewohner in ihren vertrauten Rollen auf, mit einer Ausnahme allerdings, die Rolle der aparten Donna Hayward, die Lauras beste Freundin zu verkörpern hatte, wird nicht mehr von Sherilyn Fenn gespielt. Für sie steht jetzt die Neuentdeckung Moira Kelly vor der Kamera. Lynch und sein Co-Autor Bob Engels erzählen eine unglaublich düstere Geschichte, wobei ihr Anliegen ist, den Abgrund hinter der Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit, die sich in gemütlichen Heimen, einem guten Leumund und netten Freunden manifestiert, auszuloten. Anders als in der Serie, in der der Zuschauer und der ermittelnde Dale Cooper einige Zeit brauchen, um hinter das Doppelleben des vermeintlich normalen Teenagers Laura Palmer zu schauen, wird man hier gleich mit diesen Abgründen konfrontiert. Bereits ihre erste Szene zeigt Laura am Ende; sieben Tage bleiben ihr noch, sieben Tage voller sexueller Ausschweifungen und Drogenkonsum. Laura ist nicht mehr der grundlos gefallene Engel, dessen Vergangenheit recherchiert werden muß, sie ist von Dämonen getrieben - und das aus gutem Grund.
David Lynch fächert eine Leidensgeschichte auf, wobei er häufig den Blickwinkel des Opfers einnimmt, dessen Bewußstsein das Unfaßbare nicht zulassen will. Verschlossene Türen, blutrote Räume, ein Labyrinth sind die Chiffren für Lauras Leiden. Ein Zwerg taucht auf und wispert seine Warnungen. Dale Cooper, dem die tote Laura bereits ziemlich früh in der Serie im Traum den Namen ihres Mörders verrät - er jedoch verdrängt die unfaßbare Wahrheit -, taucht in ihren Träumen auf. Und schließlich sind da die Heimsuchungen: Bob, die Verkörperung des Bösen, der sich Laura als Opfer auserkoren hat. In der Serie wird seine Bosheit nicht näher definiert, im Film wird sie rasch klar; er ist Lauras Inkubus. David Lynch destilliert einen Bodensatz sexueller Gewalt, der unter der Oberfläche des verschlafenen Ortes gärt, und ganz allmählich dämmert dem Zuschauer ebenso wie Laura, daß ihr Vater, der bieder-brave Leland, die Bestie ist. Er mißbraucht seine Tochter seit Jahren, die Mutter will jedes Anzeichen übersehen, das Kind flüchtet sich in Angstphantasien, bestraft sich mit Sex und Koks für einen verbrecherischen Tatbestand, an dem es unschuldig ist: ein nahezu klassisch-pathologischer Sachverhalt. Am Ende wird die Tochter, die Zeugin einer weiteren Bluttat wurde, vom Vater ermordet. Des Morgens findet man sie in einer Plastikplane verpackt am Seeufer: Ende des düsteren Films - Anfang der Serie.
Spiel mit den Medien

David Lynchs Film handelt von einem unheilvollen Feuer in den Herzen der Beteiligten, das das Gute und die Wahrheit zurückdrängt, das all jene in Mitleidenschaft zieht, die ihm zu Nahe kommen. Die Erde - sogar an einem scheinbar paradiesischen Platz wie Twin Peaks - als düsterer Ort, vor dessen Anfechtungen niemand gefeit ist, das muß am Ende der Serie auch Dale Cooper am eigenen Leib erfahren. In "Twin Peaks" hat man ihm nicht nur den besten Kaffee und die besten "doughnuts" seines Lebens serviert, Twin Peaks hat ihn auch mit dem Wahnsinn infiziert. Der Kinofilm liefert den Steinbruch zum Verständnis der Serie. Motivationen werden klarer, das Verhalten verschiedener Personen wird verständlicher, sogar die vielen Visionen und Heimsuchungen, unter denen die Serien-Helden litten, werden nun deutlicher. Der Film beschreibt keinen Detektionsprozeß, sondern schiebt mögliche Erklärungsansätze nach. Die Fans der Serie werden diese zu schätzen wissen, unvorbelastete Kinogänger werden vielleicht mit der ungeheuer düsteren Produktion, die nicht frei von Mummenschanz ist, wenig anfangen können. Ein "missing link" in der Genese einer Fernsehserie, das man allerdings nur als solches erkennt, wenn man gezielt danach sucht. Für den Wissenden ordnet sich dann aber das meiste, auch wenn er auf das vertraute Ortseingangsschild von Twin Peaks gute 30 Minuten warten muß. So lange dauert nämlich die Vorgeschichte, die zunächst scheinbar nichts mit dem verschlafenen Nest zu tun hat, doch dann hält man Einzug in das vertraute Ambiente, und dann nimmt die (Vor-)Geschichte ihren lauf. Dabei gelingt es Lynch einmal mehr, auf mannigfaltige Weise dem Bösen Ausdrucksformen zu verleihen, am besten durch die Geräuschkulisse, die einer der letzten gemeinsamen Autofahrten von Leland und seiner Tochter unterlegt ist. Alltagsgeräusche werden zu unerträglichem Lärm gesteigert, der Terror von Phon und Dezibel läßt das Verhalten von Vater und Tochter in kaum noch zügelbare Aggressivität umschlagen: alle Maske sind durchschaut, alle Fluchtphantasien haben sich als nutzlos erwiesen, das Leben im leisen Ort zeigt sein wahres Gesicht, und das ist laut und gräßlich. "Twin Peaks - Der Film" ist gewiß kein Meisterwerk, nicht sein bisher bester Film, wie Lynch im Vorfeld des Kinostarts zu verstehen gibt, doch er bietet gute, ernsthafte Unterhaltung, und er liefert einige Erklärungen nach, nach denen sich die Fans der Serie gar nicht zu trauen gewagt haben: das Übersinnliche findet eine durchaus diesseitige Verankerung. Und ganz zum schluß taucht auch noch einmal die berühmte "Twin Peaks"-Ampel auf, die natürlich auf Rot umschlägt, was sonst. Zur Erklärung des Verhältnisses von Film und Fernsehen trägt vielleicht schon der Vorspann des Kinofilms bei. Er wird auf eine milchig-blaue Fläche projeziert, der berühmte "Twin Peaks"-See, an dessen Ufer das Unheil seinen vermeintlichen anfang nahm, in unwirkliches Licht getaucht? Doch dann fährt die Kamera zurück, das Blau erhält einen dunklen Rahmen: einen Fernseher, auf einen Kanal eingestellt, der kein Programm mehr ausstrahlt. Einstimmung aufs Fernsehen also? Bruchteile von Sekunden später implodiert allerdings das Gerät, die Leinwand wird schwarz, dann beginnt der Kino-Schrecken. Ein Spiel mit den Medien, ein Fingerzeig, welche Preferenzen gesetzt werden. Zugleich ein Hinweis auf die Machart des Films - dem Fernsehen verpflichtet, dem Kino jedoch zugetan.

Hans Messias
film-dienst, 4 Août 1992

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