TWIN PEAKS - DER FILM
TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME
par Hans Messias
Treffpunkt bei Doughnuts und Kaffe:
Kyle MachLachlan (Mitte) und Chris Isaak

Ein scheinbarer Routinefall,  die Ermordung einer jungen Frau, ruft das FBI auf den Plan und steht am Anfang einer Reihe mysteriöser Vorgänge. Das Vorleben der toten Teresa Banks kann zwar ermittelt werden, doch ergibt sich keine "heiße Fährte". Als zwei Beamte des "Büros" verschwinden, ist man auf Visionen und böse Vorahnungen angewiesen.

Einige Zeit später im idyllischen Ort Twin Peaks. Auf den ersten Blick ist Laura Palmer ein Teenager wie viele andere, doch der scheint trügt gewaltig. Das Mädchen kokst bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sein Freund Bobby, ein Dealer, ist nicht gerade der passende Umgang für höhere Töchter, und überhaupt scheint es noch einige andere - auch ihr noch unklare - dunkle Flecken in ihrer Vergangenheit zu geben. Laura wird von Albträumen und Visionen heimgesucht: ein Zwerg warnt vor einem geheimnisvollen Ring, einst Schmuckstück der toten Teresa; immer wieder träumt sie von einem roten Zimmer, aus dem es kein Entrinnen gibt; und da sind natürlich die Heimsuchungen des Hünen Bob, der sie seit fünf Jahren in den Nächten peinigt. Laura weiß, daß sie hilflos und mit offenen Augen einem Abgrund zutreibt. Als ihre schlimmsten Befürchtungen Gewißheit werden - Bob ist niemand anderes als ihr Vater Leland, der sie seit Jahren sexuell mißbraucht -, "bestraft" Laura sich durch die Teilnahme an einer Orgie. Von dort verschleppt Leland Laura und ein anderes Mädchen in einem abgestellten Eisenbahnwagon, mißbraucht sie und tötet Laura ebenso wie Teresa, seine Geliebte, die er auf einer Geschäftsreise erschlug.

Selbstverständlich ist eine gehörige Portion Geschäftemacherei mit im Spiel, wenn David Lynch mit seinem neuesten Kinofilm die Vorgeschichte der von ihm kreierten, produzierten und teilweise inszenierten Fernsehserie "Twin Peaks" erzählt. War die  Fernsehserie ihrer logischen Sprünge und des weitgehenden Verzichts auf kriminalistische Detektion wegen nur assoziativ zu erfassen - das machte freilich auch einen Großteil ihrer Faszination aus -, so bemüht sich Lynch, mit seiner Vorgeschichte einige logische Zusammenhänge und psychologische Erklärungsversuche zu liefern. Das weitgehend abstrakte Böse, das das Städtchen Twin Peaks heimsuchte, erhält hier nicht nur Gesicht und Namen, sondern einen Kontext aus physischer und psychischer Gewalt, der im Tabu-Thema Inzest gipfelt. Bei aller visionären Überhöhung der Geschichte und allen Anleihen bei Horrorfilmen, in denen diese Thematik verklausuliert auch häufig eine Rolle spielt, versucht Lynch doch eine redliche Annäherung, beschreibt Leid und Leidensdruck und das Verhalten einer Umwelt (u.a. Lauras Mutter), die die Augen verschließt. Im sauberen weißen Amerika, in einer scheinbar sauberen Umwelt darf einfach nicht sein, was nicht sein darf. Ein Film über psychischen Umweltschmutz, ein Blick hinter die Fassaden, der ein erschreckendes Ausmaß an Gewalt und Elend zeigt und den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse auf die Konfrontation Opfer - Peiniger reduziert. Mit anderen Worten: der Kinofilm schlägt den umgekehrten Weg der Fernsehserie ein. Visuell ist der "Twin Peaks"-Film - wie bereits die Serie - ein Zwitter zwischen Film und Fernsehen, ist jedoch voller Zeichen und Signale, die deutlich belegen, welchem Medium Lynch denn eigentlich zugetan ist.

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Vorgeschichte der Fernsehserie "Twin Peaks", die die letzten Tage im Leben des ermordeten Teenagers Laura Palmer beschreibt. Zwar auch angereichert mit Visionen und Horrorvorstellungen, versucht der Film jedoch psychologische Erklärungsmuster darzulegen. Offenbar wird ein Labyrinth struktureller und sexueller Gewalt, das sich hinter der Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit verbirgt.

Hans Messias
film-dienst, N° 17 , 1992

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