
In der südwestlichen Ecke des US-Bundesstaates Washington wird die Leiche der jungen Teresa Banks gefunden. Der ermittelnde FBI-Beamte, Chester Desmond, verschwindet auf unerklärliche Weise. Ein Jahr später: Laura Palmer, 17 Jahre, lebt mit ihren Eltern in einer Kleinstadt im Nordosten Washingtons, besucht die örtliche High School und scheint auf den ersten Blick ein ganz normales, fröhliches Mädchen zu sein. In Wahrheit aber führt sie ein Doppelleben: Vor dem Unterricht und abends auf dem Zimmer schnupft sie Kokain, das sie von ihrem Freund Bobby, einem Dealer, bekommt, und nachts schleicht sie sie sich aus dem haus, um sich in finsteren Spelunken an fremde Männer zu verkaufen. Sie ist sich über ihr verwerfliches Tun im klaren und scheint sehr darunter zu leiden, wann immer sie mit ihrer besten Freundin Donna oder mit James, ihrer heimlichen Liebe, zusammen ist. Aber nur ihrem Tagebuch erzählt sie von "Bob", der Verkörperung jener bösen Macht, die von ihr Besitz zu ergreifen versucht. Sie hat den Verdacht, daß Bob mit ihrem Vater Leland identisch ist, und dies wird zur Gewißheit, als Leland/Bob eines Nachts in ihr Zimmer eindringt und seine eigene Tochter vergewaltigt. (Leland war es auch, der während einer Geschäftsreise seine Geliebte Teresa Banks erschlug.) In der nächsten Nacht erklärt Laura James, er könne sie nicht mehr retten, rennt in den Wald und macht in einer Holzhütte bei einer Orgie mit. Leland/Bob taucht auf und schafft Laura und ein anderes Mädchen in einen verlassenen Eisenbahnwaggon, wo er sie quält und tötet. Laura landet an einem Ort, den sie schon aus ihren Träumen kennt.
Der Kinofilm Twin Peaks - Fire Walk With Me erzählt die Vorgeschichte der immens populären TV-Serie Twin Peaks, die mit dem Fund der in Plastik verpackten Leiche Laura Palmers begann. Wer die ersten 17 Folgen der Serie verfolgt hat, dem ist die obige Synopsis bereits vertraut. Hinzu kommt, daß Jennifer Lynch, die Tochter des Regisseurs, in ihrem Buch "Das geheime Tagebuch der Laura Palmer" und Scott Frost in "FBI-Agent Dale B. Cooper - Mein Leben, meine Aufzeichnungen" (die beide zum Filmstart als Taschenbücher neu auf den Markt kommen werden) bereits ihrerseits zwei "Prequels" zur Fernsehserie geliefert haben. Was mag David Lynch daran gereizt haben, den Mord an Teresa Banks und die letzten sieben Tage im Leben der Laura Palmer auf die Leinwand zu bringen? Welchen Reiz bietet der Kinofilm einem Kenner der Twin Peaks-Serie? Und ebenso wichtig: Welchen Reiz bietet er jemandem, der die TV-Serie überhaupt nicht kennt?
Die Antwort auf letztere Frage fällt am leichtesten: Twin Peaks - Fire Walk With Me
wird jeden Zuschauer, der nicht in die innersten Geheimnisse des Mordfalls Laura Palmer
eingeweiht ist, hoffnungslos überfordern und ihm als unverständliches Durcheinander
erscheinen. Zwar reduziert Lynch die Anzahl der handelnden Personen auf ein Minimum
(Sheriff Truman und seine Leute tauchen im Kinofilm ebensowenig auf wie die Familien Horne
und Packard-Martell oder Dr. Jacoby), aber das schafft keineswegs mehr Klarheit: Gerade
Lauras Beziehungen zu ihrem Psychiater Dr. Jacoby und dem reichen Hotelbesitzer Benjamin
Horne, der sie in seinem Bordell beschäftigt und it ihr schläft, wären für eine
schlüssige Schilderung des Doppellebens der Laura Palmer (stellvertretend für die
moralische Verkommenheit hinter der blitzblanken Fassade des ganzen Städtchens, von dem
im Kinofilm außer dem Haus der Palmer-Familie freilich herzlich wenig zu sehen ist)
eigentlich unerläßlich gewesen. Viele der Figuren, die aus der Serie bekannt sind und
auch in Kinofilm vorkommen - Leo und Shelley Johnson, Norma Jennings, Harold Smith, die
Log-Lady, Phillip Gerard -, haben nur eine oder zwei Szenen, und die reichen natürlich
nicht aus, einem uninformierten Betrachter ihre Beziehung zu Laura Palmer zu erklären.
Ihr flüchtiges Auftreten wirkt zufällig und beliebig und macht die Abwesenheit
wirklicher Charaktere - siehe oben - um so deutlicher spürbar. Auch bei der Beziehung
zwischen dem Einarmigen und Bob und zwischen Bob und Lauras Vater - wie überhaupt in der
Definition von Bob, dem Mann von einem anderen Ort, und den anderen jenseitigen Gestalten
- setzt der Film eine solche Menge von Vorkenntnissen voraus, daß jeder, der diese nicht
mitbringt, unweigerlich außen vor bleibt.
Vorgeschichte hin oder her, der Effekt ist der gleiche, als konfrontiere man einen Twin Peaks-Neuling mit, sagen wir, Folge 13 und 14 der Serie und lasse ihn damit allein. Im Gegensatz zu Twin Peaks - Fire Walk With Me ist der anderthalbstündige Pilotfilm zur Serie ein Muster an dramaturgischer Geschlossenheit und respektvollem Umgang sowohl mit seinen Figuren als auch mit dem Publikum und wäre von daher viel eher als eigenständiger Kinofilm geeignet gewesen. Lieber ein offenes Ende als unzählige Löcher in der Mitte.
Nun könnte man einwenden, dieser Kritikpunkt sei irrelevant, denn David Lynch pfeife sowieso auf dramaturgische Geschlossenheit und Respekt vor seinen Charakteren, ein Eindruck, dessen man sich nach Wild at Heart in der Tat kaum erwehren konnte. In diese Richtung weist auch die gesamte erste halbe Stunde des neuen Films, die sozusagen die Vorgeschichte zur Vorgeschichte behandelt, nämlich die Ermittlungen des FBI im Mordfall Teresa Banks. Die Vorspanntitel liegen auf einem bläulich-weiß schimmernden Hintergrund, welcher Assoziationen an den blau-schwarzen, wogenden Samtstoff zu Beginn von Blue Velvet weckt, sich aber dann, als der Titel "Directed by David Lynch" erscheint und die Kamera zurückfährt als statisch flimmernde Mattscheibe eines Fernsehgeräts entpuppt. Angelo Badalamentis sanfte Musik, die hier viel bluesiger klingt als in der TV-Serie, wird durch einen ohrenbetäubenden Knall regelrecht abgewürgt: Ein Schlag mit einem Knüppel hat den Fernseher explodieren lassen; im Off stößt eine Frau einen gellenden Schrei aus, den ein zweiter dumpfer Schlag jäh unterbricht. Abblende. Aufblende: Einen in einem Plastiksack eingewickelte Leiche schwimmt in der Strömung eines kleinen Flusses, darüber wird eine Schrift eingeblendet: "Teresa Banks".
Das Zertrümmern eines Fernsehgeräts als erstes Bild eines Kinofilms, der seien Existenz
einer TV-Serie verdankt, ist ein Versprechen: Vergeßt den kleinen Bildschirm, vor dem ihr
sowieso nur einschlaft (wie Teresa Banks, die prompt ermordet wird), was ihr jetzt sehen
werdet, ist Kino. Wie um dieses Versprechen zu unterstreichen, werden Chris Isaak und
Kiefer Sutherland als neue, aus der TV-Serie nicht bekannte FBI-Agenten eingeführt. Aber
dann wird das Versprechen doch nicht gehalten. Anfangs schlägt Lynch den Ton einer
überdrehten Komödie an: er selbst als schwerhöriger und deshalb schreiender FBI-Chef
Gordon Cole (ein eher zweifelhafter Scherz, der schon auf dem Bildschirm heillos
überstrapaziert wurde), seine alberne "Cousine", die als eine Art wandelnder
Geheimcode auftritt, Agent Chet Desmond (Isaak), der den störrischen Hilfssheriff
kurzerhand an der Nase packt, sein naiver Kollege Stanley (Sutherland), der sich den
Kaffee über den Schoß schüttet, als Desmond ihn nach der Uhrzeit fragt - ob diese
Slapstick-Elemente bereits auf Lynchs nächsten Film One Saliva Bubble hinweisen,
der laut Aussage des Regisseurs eine "reine Komödie" werden soll? Nachdem Agent
Desmond unter einem Wohnwagen einen Erdhaufen und darauf Teresa Banks` Ring gefunden hat,
verschwindet er spurlos: Weder der Rest des Films noch die Fernsehserie (in der Desmond
sowieso nie erwähnt wird) liefern einen Hinweis auf seinen Verbleib. Man darf vermuten,
daß Chet Desmond nur erfunden wurde, weil Kyle MacLachlan anfangs kein Interesse hatte,
die Rolle des FBI-Agenten Dale Cooper in dem Kinofilm zu wiederholen (in Coopers
"Autobiographie" ist er es, der - wie Desmond jetzt im Film - von Gordon Cole
nach Deer Meadow geschickt wird, die Autopsie an Teresa Banks durchführt und das
"T" unter ihrem Fingernagel entdeckt).
Kyle MacLachlan konnte schließlich doch überredet werden mitzumachen, und seine Funktion als Dale Cooper ist jetzt, von der Teresa-Banks-Episode zum Hauptteil des Films überzuleiten: Nachdem Cooper in Deer Meadow vergeblich nach dem Verbleib von Chester Desmond geforscht hat, spricht er in sein Diktaphon: "Diane, der Killer wird weiter morden. Wie heißt es in dem Lied: Wer weiß schon wo, wer weiß schon wann..." Schnitt auf die aus der Fernsehserie vertraute Einstellung mit dem Ortsschild von Twin Peaks, unterlegt mit Badalamentis bekanntem Leitmotiv: Die Szene ist nun frei für Laura Palmer. (Ein Bruch in der Struktur erfolgt, wenn später doch noch einmal eine Szene zwischen Dale Cooper und seinem Kollegen Albert Rosenfield im FBI-Büro in Philadelphia eingefügt wird, in der Cooper prophezeit, das nächste Opfer des Killers werde eine blonde drogenabhängige Schülerin sein.)
Mit Beginn der Laura-Palmer-Geschichte ändert der Film seinen Tonfall: Die Komödie um
einen Haufen skurriler FBI-Beamter wandelt sich zum Drama einer drogenabhängigen
Schülerin, die von ihrem schizophrenen Vater erst vergewaltigt und dann ermordet wird.
Daß es die letzten sieben Tage - und nicht etwa die letzten vier oder vierzehn Tage - im
Leben der Laura Palmer sind, die wir hier sehen, erfahren wir aus dem Presseheft des Films
und aus Selbstaussagen von Lynch; aus dem Film selbst geht dies nicht hervor. (Erinnert
sei an die Tatsache, daß bei der TV-Serie ganz konsequent jede einzelne 45-Minuten-Folge
einem Tag entsprach; dem Kinofilm dagegen bleiben für die behaupteten sieben Tage nicht
mehr als 100 Minuten.) Auf der Besetzungsliste, die von der Produktion während der Dreharbeiten veröffentlicht
wurde, tauchen nicht weniger als fünfzehn weitere aus der Serie vertraute Figuren auf,
darunter Dr. Jacoby, Josie Packard, Pete Martell, Sheriff Truman, Ed und Nadine Hurley
sowie Bobs und Donnas Eltern. Auch die ultrakurzen Auftritte von Norma Jennings, Shelley
und Leo, Ronette Pulaski und Mike Nelson lassen darauf schließen, daß eine große Menge
von Szenen in die vorliegende Fassung des Films keinen Eingang fand. Außerdem fällt auf,
daß dies Lynchs erster Kinofilm seit Eraserhead ist, der nicht in CinemaScope
gedreht wurde. Könnte all das bedeuten, daß die Produzenten von Anfang an
beabsichtigten, neben dem Kinofilm eine wesentlich längere Fernsehfassung herzustellen?
Wird man diese Mini-Serie irgendwann zu sehen bekommen? An einer Stelle fährt die Kamera, ausgestattet mit einem speziellen Makro-Objektiv, aus
dem Mund des Elektrikers zurück, und seine Lippen formen das Wort
"Electricity": Immer wieder überblendet Lynch die Bilder für Sekunden mit dem
"Schnee" vom Fernsehbildschirm aus der allerersten Einstellung, und Agent
Desmond hatte sich auffallend für die Strommasten und -leitungen zwischen den
Campingwagen interessiert. Lynchs Leidenschaft für alles, was mit Strom und Elektrizität
zu tun hat, ist bekannt, und hier ebenso wie in der TV-Serie läßt er keine Gelegenheit
aus, um eine Szene mit stroboskopischen Lichteffekten besonders unheimlich zu machen.
Der Peaks-Freak hat allen Grund, sich - wie oben bereits angedeutet - betrogen zu fühlen:
Von einer Chronik der letzten Woche im Leben der Laura Palmer kann keine Rede sein, dafür
fehlt zu vieles, von dem man aus der Fernsehserie weiß, daß es in dieser Zeit passierte.
Welche Gelegenheit wäre es beispielsweise gewesen, das Picknick, bei dem James die
tanzenden Freundinnen Laura und Donna mit der Videokamera filmte, hier aus deinem anderen
Blickwinkel zu zeigen!
Trotz aller Einwände: Lynch wäre nicht der große Filmkünstler, der er ist, wenn es ihm
nicht auch in dem Twin Peaks- Kinofilm gelänge, ein paar seiner Lieblingsthemen
weiterzuentwickeln und eine ganze Reihe erstaunlicher und unvergeßlicher visueller
Sequenzen zu schaffen. Alle Szenen - es sind nicht mehr als sechs, obwohl der Eindruck
entsteht, es seien viel mehr - zwischen Laura (Sheryl Lee) und ihrem Vater Leland (Ray
Wise) beispielsweise sind meisterhafte Studien in reinstem filmischen Terror:
1) Laura entdeckt Bob (Frank Silva) in einer Ecke ihres Zimmers, läuft panikartig auf die
Straße, blickt zurück und sieht ihren Vater, der eigentlich unterwegs sein müßte, aus
dem Haus kommen, und Laura ahnt, daß Bob und Leland identisch sind: "Oh, mein Gott,
nein, er kann es doch nicht sein!"
2) Leland schnauzt Laura vor dem Essen an, ihre Hände seien schmutzig, demütigt sie und
schlägt sie fast, nur um sie im nächsten Moment zu umarmen und ihr in völlig
verändertem Ton zu versichern: "Laura, Liebling, ich liebe dich so sehr!"
3) Eine der eindringlichsten Szenen des Films: Laura sitzt neben ihrem Vater im Auto und
wird Zeuge, wie Phillip Gerard (Al Strobel), der Einarmige, Leland (d.i. Bob) auf offener
Straße droht und ihn warnt. Leland biegt in eine Tankstelle ein, um den Schock abklingen
zu lassen (Gerard hat ihn praktisch im Beisein seiner Tochter als Bob entlarvt), und
erinnert sich an den Mord an Teresa Banks.
4) In der Nacht dringt Bob durch Lauras Zimmer ein, steigt in ihr Bett und vergewaltigt
sie. "Wer bist du?" schreit Laura und erkennt im selben Moment in Bob ihren
Vater.
5) Unmittelbar nach der Vergewaltigung: Laura stochert beim Frühstück in ihrem Cereal,
Leland erkundigt sich mit unerwarteter Zärtlichkeit nach ihrem Befinden, und Laura faucht
ihn mit ebenso unerwarteter Heftigkeit an: "Bleib mir vom Leib!"
6) Leland überrascht Laura in Jacques Renaults Hütte, treibt sie durch den Wald und
ermordet sie in dem alten Eisenbahnwaggon.
Erwartungsgemäß arbeitet Lynch in diesem Kinofilm mit ähnlich
surrealistischen Traumsequenzen wie in der Fernsehserie (in der die halluzinatorischen
Szenen in dem Raum mit den roten Vorhängen zu den absoluten Höhepunkten zählten).
Insgesamt gibt es in Twin Peaks - Fire Walk With Me drei derartige Sequenzen: eine
am Anfang, eine in der Mitte und eine am Ende, eine Struktur, die man von füheren
Lynch-Filmen her kennt. Die erste bildet den Übergang von der Teresa-Banks-Episode zur
Leidengeschichte der Laura Palmer und betrifft eine Art kollektive Halluzination der
FBI-Beamten Cole, Cooper und Rosenfield, als diese in ihrem Büro Besuch von ihrem seit
Jahren als verschwunden geltenden Phillip Jeffreys (David Bowie) bekommen.
Der Mann von einem anderen Ort (Michael J. Anderson) sitzt in einem hohen, spärlich
möblierten Raum mit drei abgedunkelten Fenstern an einem Tisch, ihm gegenüber Bob. In
der linken hinteren Ecke tanzt ein Mann mit einer weißen Maske, aus der eine lange spitze
Nase hervorsticht. Auf einem Sofa zwischen den Fenstern sitzen Mrs. Tremond und ihr
übersinnlicher Enkel Pierre, neben ihnen stehen an altertümlichen Radioapparaten ein
schwarzer Elektriker und zwei Holzfäller (einer davon ist Jürgen Prochnow, durch einen
langen schwarzen Rauschebart fast unkenntlich gemacht). "We live inside a
dream", heißt es einmal, wodurch diese ansonsten völlig wirre Sequenz doch ein
wenig Sinn bekommt.
Mrs. Tremond und ihr Enkel (sie haben in dem Campingwagen gewohnt, unter dem Chet Desmond
kurz vor seinem Verschwinden den Erdhaufen mit Teresa Banks` Ring fand, und in der
TV-Serie waren sie Harold Smiths Nachbarn) tauchen in Twin Peaks wieder auf: Die alte Dame
überreicht Laura Palmer ein Bild, das sich, wie sie sagt, gut an der Wand in ihrem Zimmer
machen würde. Das Bild zeigt die Ecke eines Zimmers mit einer halb geöffneten Tür.
Laura hängt es tatsächlich auf, und eines Nachts träumt sie, wie sie durch die Tür auf
dem Bild geht, einige Zimmer durchquert und schließlich in dem Raum mit den Wänden aus
rotem Stoff landet. Dort trifft sie den ihr unbekannten Dale Cooper, der sie davor warnt,
Teresa Banks` Ring anzunehmen, den der Zwerg ihr entgegenstreckt. Dann wacht sie scheinbar
auf, aber der Traum geht weiter: Annie Blackburn (Heather Graham) liegt neben ihr im Bett
und sagt: "Ich war bei Dale und Laura. Der gute Dale ist in der Hütte, und er kann
nicht heraus. Schreib es in dein Tagebuch!"
Diese Stelle ist wirklich nur den absoluten Twin Peaks-Cracks verständlich: Sie
bezieht sich auf die allerletzte Episode der TV-Serie, in der Dale Cooper in der
"Schwarzen Hütte" (die mit dem rotverhangenen Raum identisch ist) nach seiner
Freundin Annie sucht, die sein Erzfeind Windom Earle an diesen jenseitigen Ort verschleppt
hat, und dort Bob begegnet, der als Dale Doppelgänger in die Außenwelt zurückkehrt.
Die letzte "Traumsequenz" ist eigentlich weder Traum noch Vision, sondern -
ähnlich wie die lange Schlußsequenz der letzten TV-Episode - ein Blick in jenen Raum,
der sich gemäß den eigenwilligen metaphysischen Gesetzen, die Lynch in Twin Peaks
aufbaut, irgendwo zwischen Leben und Tod befindet: Laura Palmer, die soeben von ihrem
Vater ermordet wurde, sitzt in dem roten Zimmer in einem Sessel, auch der Zwerg und der
Einarmige, Leland/Bob und Dale Cooper sind da. Bei Laura zu Hause hing ein kitschiges Bild
an der Wand, auf dem ein Schutzengel im Kreise einiger Kinder zu sehen war. Irgendwann
hatte Laura entsetzt bemerkt, daß der Schutzengel von dem Bild verschwunden war. Im
Eisenbahnwaggon erschien Ronette Pulaski (Phoebe Augustine), Lauras Leidengenossin, deren
Schutzengel dafür sorgte, daß Ronette lebend aus dem Waggon herauskam. Nun, in der
langen Schlußsequenz, schwebt zu den Klängen von Luigi Cherubinis "Requiem in
c-Moll" Lauras eigener Schutzengel von der Decke herab, der sie zuvor anscheinend
verlassen hatte, und Laura ist auf einmal glücklich und wirkt wie befreit.
Dieser Schluß erinnert natürlich an den ähnlich kitschigen Moment am Ende von Wild
at Heart, wenn die gute Fee vom Himmel schwebt und Sailor an die alles heilende Kraft
der Liebe erinnert, ebenso an den Schluß von The Elephant Man, in dem John Merrick
endlich den Frieden findet, nachdem er sich mit wehmütigen Blicken auf das Bild mit dem
sanft schlafenden Kind, das in seinem Zimmer hängt, immer gesehnt hatte.
So reiht sich Twin Peaks - Fire Walk With Me also nahtlos ein in das Lynchsche
Oeuvre: Wie schon in Eraserhead, The Elephant Man, Dune, Blue
Velvet und Wild at Heart beschreibt der Regissseur auch hier eine Hölle auf
Erden (gebündelt versinnbildlicht durch die lange, laute Disco-Orgie in der Mitte des
Films, die ebenfalls in nahezu allen früheren Filmen ihre thematische und strukturelle
Entsprechung hat), die sein Protagonist bzw. seine Protagonistin durchqueren muß, um am
Ende Erlösung zu erlangen.
Trotzdem setzt sich Lynch mit diesem "Kinofilm zur Fernsehserie" zwischen alle Stühle: Einerseits fast pedantisch konsequent (bis auf Donna Hayward, die hier nicht von Lara Flynn Boyle, sondern von der wesentlich blasseren Moira Kelly gespielt wird, und den kleinen Pierre ist jede Rolle, auch die kleinste mit demselben Darsteller besetzt wie in der TV-Serie), entfernt sich der Kinofilm andererseits zu sehr von der gemächlichen, ironischen, liebevoll die Ticks ihrer Charaktere pflegenden Art der Fernsehfassung: Was ist Twin Peaks ohne Sägewerk, Doughnuts, Kaffee und Audrey Hornes Saddle Shoes?
Der Film, wie er jetzt ist, könnte im Grunde auch sonstwo spielen. Für den Kenner ist er
nicht geschlossen genug (wieso heißt der Film Fire Walk With Me, wenn der
Einarmige nicht ein einziges Mal das Gedicht aufsagen darf, aus dem diese Zeile stammt?),
für den Uneingeweihten dagegen ein Buch mit sieben Siegeln.
Seit drei Jahren beschäftigt sich David Lynch nun schon mit den Bewohnern des fiktiven
Städtchens Twin Peaks. Hoffen wir, daß es ihm möglichst bald gelingen wird, uns mit
einem neuen Film ebenso zu überraschen, zu begeistern und zu verstören wie mit Blue
Velvet oder dem ersten Twin Peaks-Pilotfilm.